10 Maßnahmen, um besser über Covid sprechen zu können

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Menschen können momentan grob in zwei Kategorien eingeordnet werden: Entweder, sie finden die Maßnahmen der Regierung bezüglich der Pandemie gut, oder sie finden diese schlecht.

Die Argumentationslinien sind selbstredend divers, können jedoch wie folgt verglichen werden: Beide Seiten meinen, auf der richtigen Seite zu sein. Beide meinen, die Menschenrechte zu verteidigen, insbesondere die Aussage: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Die einen stehen hinter den Lockdowns, weil die Würde und Gesundheit derjenigen, die durch den Virus betroffen sein könnten, damit geschützt würde. Die anderen verdammen die Lockdowns, weil damit die Würde und Gesundheit derjenigen, die nicht durch den Virus betroffen sein könnten, geschützt würde. Jeweils die andere Seite wird manchmal als „rechtsradikal“ und „menschenverachtend“ bezeichnet. Dies ist auch interessant: Jede Seite sieht sich im Recht und diffamiert die andere Seite. Die Wahrheit oder Argumente scheinen nur bedingt zu interessieren.

Ist es nicht faszinierend, dass beinahe alle Informationen gleichermaßen allen zur Verfügung stehen, Menschen jedoch zu so unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen können? Sehen wir einmal von agents provocateurs, ausländischer Einflussnahme oder politischem Taktieren ab. Es ist nicht nur unterschiedliche Vorerfahrung oder politische Einstellung, die eine sehr unterschiedliche Interpretation der Maßnahmen bewirkt.

Ich habe mir die Frage gestellt, wieso die Menschheit so gespalten ist und bin auf kognitive und emotionale Verzerrungen gestoßen. Diese sollen das Verhalten nicht rechtfertigen, aber zumindest erklären und deutlich machen, dass wir alle davon nicht gefeit sind und dass die andere Seite nicht so blöd oder böse ist, wie wir selber oft glauben. Kognitive oder emotionale Verzerrungen (englisch: Bias) spielen eine große Rolle in diesem Konflikt. Die Liste an kognitiven Verzerrungen ist lang. Ich habe in diesem Beitrag die wichtigsten zehn herausgegriffen, welche in meinen Augen im Zusammenhang mit Covid 19 und den Regierungsmaßnahmen schlagend werden. Diese werden auch jeweils mit einer Maßnahme begleitet, durch welche du dieser Verzerrung nicht so leicht aufsitzt.

Es hilft, diese Verzerrungen zu kennen. Einerseits kann man sich selber besser einschätzen. Andererseits kann man das bei anderen. Weiters kann man sich bewusst machen, dass solche Verzerrungen teilweise auch gezielt in PR, Werbung und Propaganda eingesetzt werden und man wird durch dieses Wissen weniger manipulierbar.

Sehen wir uns die wichtigsten Bias an: 

 

1)  Beharren auf Überzeugungen

Das Beharren auf Überzeugungen funktioniert so: Hat man erst einmal eine Überzeugung angenommen, so beharrt man auf dieser, ungeachtet neuer oder anderer Beweise. Auch, wenn die erste Überzeugung aus ungesicherter Quelle stammt oder nicht klar bewiesen wurde, wird auf dieser beharrt.

In der Covid Diskussion kann beobachtet werden, dass Menschen auf ihren Überzeugungen beharren, auch wenn es zumindest Indizien für andere Möglichkeiten gäbe.

Maßnahme

Achte auf Aussagen, auch wenn diese deiner Überzeugung widersprechen!

 

2)  Bestätigungsfehler

Der Bestätigungsfehler (englisch: Confirmation Bias) bezeichnet die Neigung, Informationen so auszuwählen oder zu interpretieren, dass die eigenen Erwartungen oder bestehende Überzeugungen bestätigt werden. Wir blicken nicht neutral auf Fakten, sondern versuchen sie so zu sehen, dass sie unsere bisherigen Annahmen bestätigen.

Glaube ich beispielsweise, dass Covid nicht existiert, sondern nur die Grippe ist, so werde ich Informationen finden, welche diese Einstellung stützen und andere ignorieren, welche diese These widerlegen. 

 

Maßnahme

Betrachte alle Fakten, nicht nur die, die deiner Überzeugung entsprechen! Ist eine andere Interpretation möglich?

 

3)  Bias blind spot/Naiver Realismus

In den Covid Diskussionen kann beobachtet werden, dass der „gegnerischen“ Seite unterstellt wird, beeinflussbar zu sein. Während man selber selbstredend sich nicht beeinflussen lässt und die Machenschaften durchschaut, so kann das die andere Seite nicht. Die eine Seite meint, die andere verfällt zu sehr der Staatspropaganda. Umgekehrt wirft die andere Seite vor, nur mehr Verschwörungsposts auf Facebook zu vertrauen. Was übersehen wird ist die eigene Manipulierbarkeit. Wir haben einen Bias Blind Spot. Wir halten uns selber für unbeeinflussbar. Alle anderen sind Schlafschafe.

In eine ähnliche Kerbe schlägt auch der naive Realismus. Dieser lässt uns glauben, dass wir die Welt objektiv betrachten. Menschen, die von unserer Weltsicht abweichen, müssen irrational oder uninformiert handeln. Nur unsere Sicht ist richtig. Das Problem: die andere Seite glaubt vermutlich dasselbe. 

 

Maßnahme

Befasse dich mit Verzerrungen und sei dir bewusst, dass sie auch bei dir auftreten!

 

4)  Authority bias

Die Autoritätsverzerrung lässt uns der Aussagen von Autoritäten mehr Glauben schenken als anderen. Ungeachtet von Beweisen oder Fakten wird etwas als wahrer angesehen, nur, weil es von einer Autoritätsperson geäußert wird. Wer als Autoritätsperson jeweils gesehen, weicht auf den beiden Seiten selbstredend ab. Da unterschiedliche Autoritäten anerkannt werden, wird auch unterschiedlichen Argumenten geglaubt. Ist es ein bekannter Virologe, der staatlich abgesegnet wurde, oder ist es der berühmte Autor, dem man schon lange vertraut? Wir schauen uns jeweils nicht die Argumente an, sondern der Absender der Argumente beeinflusst stark, ob wir die Aussagen als wahr beurteilen.

Maßnahme

Glaube nicht Aussagen, nur weil sie von einer Autoritätsperson geäußert werden! Höre auch Aussagen an, welche nicht von Autoritäten geäußert werden!

 

5)  Bandwagon effect/Mitläufereffekt

Uns fällt es meist leichter, Meinungen zu vertreten, die populär sind. Glauben viele an etwas, so wird das schon richtig seine – so der Fehlschluss. Der Mitläufereffekt bezeichnet demnach die Tendenz, Meinungen oder Verhaltensmuster anzunehmen, weil alle anderen das scheinbar auch tun. Wird eine Meinung nur von einer Minderheit vertreten, so muss diese falsch sein, glauben wir. Dies macht es sehr schwer, unpopuläre oder neue Erkenntnisse, welche der Mainstream-Meinung widersprechen, anzunehmen. Wichtig hier zu erwähnen ist, dass es sich hierbei eben um eine meist unbewusste Verzerrung handelt. Die Betroffenen laufen nicht aus Bosheit mit, sondern tun sich schwer, andere Meinungen anzusehen. 

 

 Maßnahme

Glaube etwas nicht nur, weil alle es glauben! Höre die Stimmen der Minderheiten an!

 

6)  Illusory truth effect/Wahrheitseffekt

Dies ist eine gefährliche Verzerrung. Werden wir Informationen wiederholt ausgesetzt, so steigt die Chance, dass wir sie glauben. Das oft Gesehene wird vertraut und sympathisch. Gerade die Werbung zielt auf den Wiederholungseffekt ab. Dies ist der Grund, wieso die selbe Werbung wieder und immer wieder gezeigt wird. Je öfter wir etwas sehen, desto eher vertrauen wir darauf. Auch bei Informationen kann dies beobachtet werden.

Wenn beispielsweise oft wiederholt wird, dass positiv Getestete krank seien, so glauben wir das irgendwann, auch, wenn wir früher jemand symptomlosen als gesund bezeichnet hätten.

Wichtig ist: Nur, weil etwas oft wiederholt wird, muss es nicht wahr sein. 

Maßnahme

Glaube nicht nur an etwas, weil es oft wiederholt wurde! Höre dir auch selten geäußerte Meinungen an!

 

7)   Semmelweis-Reflex

Der Semmelweis-Reflex bezeichnet eher ein soziales Phänomen. Es geht zurück auf den Geburtshelfer Ignaz Semmelweis. Dieser erkannte, dass erhöhte Hygienevorschriften in Spitälern die hohe Sterblichkeit der Mütter bei der Geburt reduzieren konnte. Viele Kollegen und Vorgesetzte lehnten dies jedoch reflexhaft ab. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse können also auch ohne Begründung abgelehnt werden, wenn sie den vorherrschenden Überzeugungen widersprechen.

Maßnahme

Reagiere nicht reflexhaft ablehnend auf neue, absurd klingende Vorschläge! Habe ein offenes Ohr für neue, absurde Vorschläge!

 

8) Truth bias

Die Truth Biasbeschreibt, dass wir eher anderen Menschen Glauben schenken, als ihnen zu misstrauen. Wir vertrauen generell in den Wahrheitsgehalt der Aussagen anderer. Dies macht uns anfällig, belogen zu werden. 

 

Maßnahme

Glaube nicht blind anderen Menschen! 

 

9)  Curse of knowledge

Informationen sind zwar allgemein jedem zugänglich. Ein Fehler ist es jedoch anzunehmen, dass die eigenen Informationen dem Gesprächspartner bekannt sind. Auch wenn Informationen potenziell allen verfügbar sind, heißt das nicht, dass sich alle gleich damit beschäftigt haben.

Maßnahme:

Gehe davon aus, dass der andere das nicht weiß!

 

 10)                Motivated reasoning

Dies ist eines der wichtigsten Phänomene im Hinblick auf Covid. Motiviertes Denken oder motivated reasoning bezeichnet die Tendenz, eher Argumente für Schlussfolgerungen finden zu wollen, denen wir eher glauben wollen. Wir wollen nicht glauben, dass uns Regierungen hintergehen können. Wir wollen nicht glauben, dass Virologen irren können. Daher versuchen wir eher, Beweise zu finden, dass diese das nicht tun. Wir wollen nicht mit Faschisten demonstrieren. Daher versuchen wir uns einzureden, dass das nur besorgte Bürger sind. Wir finden also eher Argumente besser, die die Überzeugungen stützen, die uns gelegener ist. Unangenehme Wahrheiten sollten besser nicht wahr sein.

Maßnahme:

Höre auch Argumenten zu, die auf eine unangenehme Wahrheit hindeuten! 

 

Fazit

Das letzte Phänomen ist in meinen Augen wichtig. Wir können uns nicht vorstellen, dass die Faschisten im Gewande der Demokraten erscheinen. Wir wollen nicht, dass es wahr ist, dass uns ein Regierungsvertreter anlügt. Wir betreiben so lange Appeasement Politik, bis wir in der Diktatur landen. Wir wollen nicht glauben, dass die Gräuel, welche in der Vergangenheit auftraten, wieder möglich sind.

Daher ignorieren wir Indizien, die darauf hindeuten. 

Oder wir wollen nicht glauben, dass Regierungsvertreter Fehler begehen oder auch einmal nicht wissen, was das richtige zu tun wäre. Wir wollen nicht wahrhaben, dass wir einem absurden Video auf Facebook aufgesessen sind. Wir wollen auch nicht wahrhaben, dass ein Regierungsvertreter mal im Recht sein könnte und wir selber im Unrecht. Manche Theorien klingen so weit hergeholt, dass sie einfach nicht wahr sein können, ja nicht wahr sein dürfen.

Wir glauben, dass wir richtig liegen. Neue, unbekannte Theorien, die nicht oft genug wiederholt wurden und von keiner Autoritätsperson vorgetragen werden, erscheinen uns als unglaubwürdig, auch, wenn sie wahr sind.

Das Problem ist auch, dass diese Verzerrungen meist nicht alleine auftreten, sondern im Zusammenspiel unsere Wahrnehmung verzerren.

Keiner von uns ist vor diesen Verzerrungen geschützt. Wir sollten uns dessen bewusst sein und immer hinterfragen, ob das, was wir momentan glauben, auch wahr ist. Gerade in der momentanen Krise, in welcher Grundrechte ausgehebelt wurden und Grenzen enger werden müssen wir wachsam bleiben, um nicht falschen Argumenten und Glaubenssätzen aufzusitzen. Ständig sollten wir uns fragen: ist das, was ich glaube, auch wahr?

Source: Patrick Seabird