Gemeinwohl-Ökonomie: Zwischen Kapitalismus und Kommunismus?

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Christian Felber lässt aufhorchen. Das Gründungsmitglied von attac Österreich schlägt in seinem neuesten Buch, Die Gemeinwohl-Ökonomie: Das Wirtschaftsmodell der Zukunft, einen Weg vor, der jenseits von Kapitalismus und Kommunismus liegen soll.

Zunächst ist man erstaunt: 150 schnell gelesene Seiten sollen das Wirtschaftsmodell der Zukunft anpreisen? Doch was sich auf den ersten Blick als Nachteil darstellt, entpuppt sich gleich als Vorteil: Das Buch ist einfach und für jedermann verständlich geschrieben. Man muss nicht studiert haben, um es lesen zu können. Die Theorie wird, durch Beispiele der Wirtschaftswelt ergänzt, in einem Ton vorgetragen, der sich an alle richtet und nicht nur an einen kleinen, den wissenschaftlichen Jargon gewöhnten, Leserkreis. Dies könnte ein Weiterverbreiten der Ideen unterstützen.

Felber fackelt nicht lange herum und nennt die Übel dieser Welt: Gewinnstreben und Konkurrenz. Darauf folgt gleich die Lösung: Bauen wir ein Wirtschaftssystem auf, das auf Gemeinwohlstreben und Kooperation beruht. So weit, so einfach.
Für Felber beruht Freiheit auf Gleichheit und deshalb möchte er die Tyrannei des „freien“ Marktes durch die (man könnte augenzwinkernd hinzufügen: Tyrannei der) Demokratie ersetzen. Sind demokratische Entscheidungen wirklich die besseren? Kommt es nicht gerade bei Demokratien zu Nivellierungen nach unten? Für Felber keine Fragen, Demokratie ist gut und muss her.

Felber möchte einen dritten Weg neben Kapitalismus und Kommunismus, eine Alternative zu den beiden. Dies erinnert stark an das Programm, das Silvio Gesell schon 1916 formulierte und daraufhin eine neue Wirtschaftsordnung basierend auf seiner Geldanalyse erstellte. Und auch Felber erkennt zwei Aspekte bezüglich Geld richtig: Erstens muss sich die Bewertung von Unternehmen ändern. Felber sieht nur die falsche Motivation, die durch die finanzielle Bewertung durch Bilanzen ausgeht. Ich möchte noch weitergehen wenn ich sage: Die Bewertungen von Unternehmen über die Bilanzen sind im besten Falle grottenfalsch. Alleine dass Aktien (die von heute auf morgen null wert sein können) in die Bilanz aufgenommen werden zeugt von ihrer Weltfremdheit. Oder bezüglich Aktiengesellschaften: Der Fehler liegt oft darin, im „Wert“ der umlaufenden Aktien den „Wert“ eines Unternehmens zu sehen. (Dies ist nur ein Beispiel aber es steht für fast alle Bilanzierungsvorschriften). Was etwas wert ist, weiß man erst nachdem man es verkauft hat. Wozu also willkürliche Bewertungen?
Felber schlägt die Gemeinwohl-Bilanz vor, die in Zukunft wichtiger sein wird als die heutige Bilanz. In dieser sollen, durch einen demokratischen Konvent bestimmte, Gemeinwohlkriterien gemessen werden. Dies würde die Motivation der Wirtschaftstreibenden ändern, von Gewinnstreben nach Gemeinwohlstreben. Ein interessanter Vorschlag, wobei man sich fragen sollte, ob man Gemeinwohl überhaupt messen kann. Man muss hier aufpassen, dass man nicht wie beinahe alle Ökonomen Messbarkeit vorgaukelt, wo eigentlich nichts gemessen werden kann.
Zweitens muss etwas daran geändert werden, wie Geld in Umlauf kommt. Dies habe ich an anderer Stelle analysiert. Felber schlägt hier die demokratische Bank vor.
Gesell ist mittlerweile in Vergessenheit geraten. Hoffen wir, dass das nicht mit Felber passiert.

Was Felber nicht möchte, ist eine Utopie schaffen (ich frage mich immer was an Utopien so schlecht sein soll). Dies erinnert stark an das Programm von Marx, der auch gerade keine Utopie schaffen wollte. Und Felber muss aufpassen. Seine Analyse basiert augenscheinlich auf der marxistischen, was durch Aussagen wie die folgenden nahelegen: Beispielsweise auf Seite 40 sagt er, dass „die Kapitalrendite denjenigen zugutekommen soll, die zu ihrer Entstehung durch Arbeit beigetragen haben.“ oder auf S73: „…und sich den Mehrwert der anderen aneignen dürfen…“ (meine Hervorhebungen. Diese Aussagen scheinen auf der marxschen Kapitalanalyse zu basieren, die besagt, dass Kapitalrendite der Kapitalisten durch Aneignung von durch Arbeiter geschaffenen Mehrwert entsteht) oder gar auf Seite 70: „In der Gemeinwohl-Ökonomie ist das Ziel, dass Unternehmen von möglichst vielen, wenn nicht allen Personen besessen werden“ (die Produktionsmittel im Eigentum aller? Siehe Kommunistisches Manifest: „Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktions-Instrumente in den Händen des Staats, d. h. des als herrschende Klasse organisirten Proletariats zu centralisiren“).
Wer sich derselben Analyse wie Marx bedient und mit der gleichen Begriffsmatrix hantiert sollte aufpassen, dass er nicht ähnliche totalitäre Ergebnisse produziert.

Ich könnte noch kritisch fortfahren (auf S61f versucht Felber mechanistische Begriffe auf soziale Systeme anzuwenden – ein Kategorienfehler; auf S110 argumentiert er evolutionsbiologisch: „…Kooperation ist ein Grundprinzip der Evolution.“ – basiert die Evolution auf Prinzipien? Folgt aus dem Sein ein Sollen?; auf S137 verwickelt er sich in einen Widerspruch wenn er sagt: „Mir ist keine Geistesschule oder Weltreligion bekannt, die uns zur Konkurrenz oder zum Egoismus erziehen wollte“ – und was ist mit der von ihm vorher kritisierten Geistesschule des Neoliberalismus, ausgehend von Adam Smith? – nötig hat diese Fehler seine sonst gut durchdachte Analyse nicht) aber ich möchte sein Buch eigentlich hier nicht schlechtreden.

Die positiven Seiten des Buches sind seine praktischen Beispiele und Umsetzungsstrategien. Felber ist sich bewusst, dass eine neue Idee häufig auf Ablehnung stößt und sieht dies sogar als gutes Zeichen. Ein ganzes Kapitel ist der Umsetzung und Strategie für die Zukunft gewidmet.

Faktum ist, und Felber hat das gut erkannt, dass wir unser Wirtschaftssystem verändern müssen und das bald. Die Gemeinwohl-Ökonomie ist ein guter Ansatz in die richtige Richtung und verfolgt genau das von mir formulierte Programm der wirtschaftsphilosophischen Wende: Das Wirtschaften muss hinterfragt werden und wieder Ausgangspunkt einer großen Reflexion werden.
Felbers Ansatz ist dabei so praktikabel, dass ich nur vorschlagen kann: Probieren wir es einfach aus!

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