MMag. Patrick Siebert

Patrick Seabird

Kategorie: Wirtschaft (Seite 1 von 13)

Was ist Marketing?

Was ist Marketing?

Als ich Internationale Betriebswirtschaft studierte, durften wir folgende Definition von Marketing auswendig lernen:

„Marketing ist ein Prozeß im Wirtschafts- und Sozialgefüge, durch den Einzelpersonen und Gruppen ihre Bedürfnisse und Wünsche befriedigen, indem sie Produkte und andere Dinge von Wert erzeugen, anbieten und miteinander austauschen.“Kotler, Philip/Bliemel, Freidhelm: Marketing Management. Analyse, Planung und Verwirklichung. Stuttgart: Schäffer-Poeschel Verlag, 2001, 10., überarbeitete und aktualisierte Auflage, S.12.

Diese Definition ist so weit gefasst, dass sie eigentlich komplettes Wirtschaften inkludiert. Sie unterscheidet Marketing nicht von Produktion, von Vertrieb oder einfachem Handel.

Marketing als Transformationsbegleitung

Eine aus meiner Sicht bessere Definition gibt der Gründer von Digital Marketer, Ryan Deiss. Er beschreibt, dass jedes Produkt eine Transformation beim Nutzer auslöst. Die Semmel transformiert dich von hungrig zu satt, der BMW von gefühlt niedrigem Status zu einem Achiever (lol). Diese Transformation ist das, was man abstrakt als „Value“ oder Wert bezeichnet. Eine Semmel ist wertvoll, weil sie meinen Hunger stillen, ein BMW, weil er vorgeblich meinen Status erhöhen kann.

Ryan Deiss beschreibt seine Defintion von Marketing

Die Rolle von Marketing ist es nun, die Transformation zu begleiten und durch Kommunikation zu ermöglichen.

Die einfachste Definition

Die einfachste Definition von Marketing, die mir bisher unterkam, ist die folgende:

„Tue Gutes und rede darüber“

Leider ist nicht ganz klar, von wem sie stammt. Das „Rede darüber“ bezieht sich heutzutage natürlich auf sämtliche Kommunikationsformen: Schrift, Sprache, Bild, Video, Vorzeigen,…
Das „Tue Gutes“ zeigt auf einen wichtigen Aspekt: Dass das zugrunde liegende Produkt tatsächlich auch erfüllen sollte, was es verspricht.

Ein gutes Produkt ist die Voraussetzung

 

David Ogilvy

David Ogilvy, der allgemein als der „Father of Advertising“ bezeichnet wird, geht auf diesen Punkt gesondert ein:

„The product must be one which we would be proud to advertise.[…] I steer clear of products whose sales have been falling over a long period, because this almost always means that there is an intrinsic weakness in the product[…]“ Ogilvy, David: Confessions of an Advertising Man. Harpenden: Southbank Publishing, 2013. S67f.

Oder, wie es im Buch Selling the invisible bezeichnet wird:

„Fix your service first!“

Fassen wir zusammen:

Zu Beginn steht ein gutes Produkt oder Service. Dieses transformiert die Person, die es kauft. Die Transformation kommunikativ und unterstützend zu begleiten ist die Aufgabe von Marketing.

Kritik am Marketing

Marketing wird nun häufig kritisiert. Mein Vater geht sogar so weit, dass jedes Unternehmen, das ihm auf Facebook Werbung schaltet, auf eine No-Buy-List kommt.

Die meisten von uns hassen es, wenn das Youtube Video durch eine Werbeunterbrechung gestört wird. Das Pop-Up beim Verlassen einer Website wird sowieso ignoriert. Bei der Werbeunterbrechung im Fernsehen gehen wir auf’s Klo. Nur im Kino freuen wir uns aus irgend einem Grund noch auf die Werbung vor dem Film.

Umgekehrt will niemand Geld für Marketing ausgeben. Am besten wäre es für jeden Unternehmer und jede Unternehmerin, dass das Produkt einfach geschaffen wird und sofort die Kunden die Türe einrennen. Doch leider funktioniert das in 99% der Fälle nicht. Irgendwie muss darüber kommuniziert werden, dass man gerade etwas Gutes getan hat. Irgendwie muss die Welt davon erfahren, dass es einen gibt.

“Half the money I spend on advertising is wasted; the trouble is I don’t know which half.”,

soll John Wanamaker, einer der Pioniere des Marketing, gesagt haben. Die gute Nachricht hier ist, dass Marketing durch die Digitalisierung heutzutage zielgerichteter und damit effizienter wird.

Marketing funktioniert

Und leider (oder manche würden sagen: Gott sei Dank) funktioniert Marketing. Solange Menschen auf Werbungen klicken und danach ein Produkt kaufen, wird es Werbung geben.
Solange Menschen lieber zu einer Marke greifen, in die sie durch viel Geld erschaffenes Vertrauen schenken, wird es Marketing geben. Solange der Marktständler, der am lautesten schreit, auch am meisten Gemüse verkauft, wird am Markt geschrien werden!

Solange Menschen Drogen konsumieren, wird es Drogendealer geben.

(Für’s Protokoll: Dieser Vergleich ist nur dann abwertend, wenn man Drogen als etwas Schlechtes empfindet)

Kein Marketing?

Es gibt Unternehmen, die sich dem Grundsatz verschrieben haben, kein Marketing zu betreiben.
Premium Cola wäre hier zu erwähnen. Dieses Unternehmenskollektiv schaltet keine Werbung, lässt ab von der Datensammlungswut und betreibt kein Sponsoring. Aber betreibt es Marketing?

Wenn der Psychologe Paul Watzlawick meinte: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“, so kann man daran angelehnt natürlich sagen:

Man kann nicht nicht vermarkten.

Jedes Unternehmen transformiert das Leben seiner Kunden. Jedes Unternehmen kommuniziert diesen Prozess, und sei es nur durch Mundpropaganda – sonst wäre es kein Unternehmen. Somit muss Marketing im Wirtschaftsgeschehen vorkommen. Solange wir keine Selbstversorger sind, muss über unsere Tätigkeit kommuniziert werden. Nur über die Art der Kommunikation kann natürlich gestritten werden.

Der Ton macht die Musik

Das beste Marketing ist schließlich, wenn man gar nicht bemerkt, dass man gerade umworben wurde. Wenn das Leben durch ein Produkt verbessert wird und man gar nicht mehr wusste, woher man über das Produkt überhaupt bescheid wusste. Wenn Marketing selber so spannend wird, dass man es gerne konsumiert, wie zum Beispiel durch die Zeitung Brennstoff der Firma Waldviertler.

Die beste Marketingkommunikation ist selber schon so wertvoll für den Kunden, dass er sie gerne konsumiert und sie sein Leben transformiert! Um nochmals Ogilvy zu zitieren:

„You cannot bore people into buying.“Ogilvy, David: Confessions of an Advertising Man. Harpenden: Southbank Publishing, 2013. S.113.

Call to Action

Ein praktischer Marketinghinweis zum Schluss:
Jeder gute Marketingschritt endet mit einem so genannten Call To Action (CTA). Man fordert den Konsumenten dazu auf, eine Handlung zu setzen und zwar die, auf die die Aktion ausgerichtet war. Dieser Text war darauf ausgerichtet, Reflexionen zum Thema Marketing anzuregen.

In diesem Sinne ist mein Call To Action heute das Motto der Aufklärung, so, wie es schon Immanuel Kant ausformulierte:

Sapere Aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

Source: Patrick Seabird

Was will Facebook mit Libra?

 

Facebook will also eine neue Kryptowährung namens Libra, in Zusammenarbeit mit anderen namenhaften Firmen gründen.
Libra soll ähnlich wie Bitcoin werden, weil es ohne Zentralbank auskommt und auf der Blockchain-Technologie beruht. Hier enden jedoch die Ähnlichkeiten. Denn Libra soll natürlich nicht von jedem in Umlauf gebracht werden dürfen, sondern nur von den großen Unternehmen, die teilnehmen. Und der Wert soll stabil gehalten werden:
„The plan is for the Libra token to be backed by financial assets such as a basket of currencies,[15]and US Treasury securities […]in an attempt to avoid volatility.“ (Wikipedia am 20.09.2019 um 17:46 Uhr)

Die Vorteile von Libra:

So eine Währung verspricht, wie viele Kryptowährungen, so einiges.
Ungefähr 1,7 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zum offiziellen Bankensystem. Kryptowährungen versprechen hier Abhilfe. Facebook alleine hätte mit seinen 2,4 Milliarden aktiven Usern sofort einen riesen Kundenstamm, der die neue Währung in Handelstransaktionen verwenden könnte. In Verbindung mit den angeschlossenen Unternehmen könnte sich eine solche Währung als die neue digitale Weltwährung herausstellen. Man könnte am internationalen Handel teilnehmen, ohne ein Konto zu besitzen. Überweisungen könnten schneller voran gehen, als heute. Durch das Konsortium könnte von Anfang an auf einen riesen Kundenstamm mit Millionen Verbindungen zurück gegriffen werden.

Die ökonomischen Probleme von Libra:

Nun, alleine ökonomisch macht so eine Währung wenig Sinn, wenn sie zu 100 Prozent gedeckt sein sollte. Denn wenn die Währung im Vergleich zu anderen stabil gehalten werden soll und zu hundert Prozent durch Dollar und andere Währungen besichert wird: Wieso nimmt man nicht gleich diese Währungen, um zu zahlen? Wozu nehme ich Libra, wenn ich Dollar nehmen könnte? Wenn Facebook sowieso nur diese Dollar nimmt, hinterlegt und mir Libra dafür gibt? Für jeden in Umlauf gebrachten Libra müsste ja das Libra Konstortium einen Dollar sicher hinterlegen. Es wäre also kein Vorteil, Libra statt Dollar zu nehmen, sieht man vom Zinsertrag ab, den die hinterlegten Dollar erbringen würden. Als User hätte ich den Nachteil, dass Libra nur im Netzwerk des Konsortiums gilt. Der Dollar gilt jedoch beinahe weltweit als Leitwährung. Er ist viel liquider als Libra.
Vermutlich würde dadurch sogar Libra auf den unterschiedlichen Marktplätzen mit einem Abschlag zum Dollar gehandelt werden. Denn mit Dollar kann ich beinahe überall auf der Welt zahlen. Mit Libra nur in den angehörigen Unternehmen. Libra ist so gesehen unpraktischer als der Dollar. Sollte jedoch der Wert von Libra gegenüber dem Dollar sinken, so müsste Facebook ja versuchen, den Wert durch eigene Librakäufe auf den Sekundermärtken zu stützen, was sich als ökonomischer Selbstmord herausstellen könnte. Würde die Währung nämlich auch nur ein wenig schwanken, würden sofort Spekulanten auftreten, die wiederum die Schwankungen durch ihre Käufe und Verkäufe verstärken könnten. Ob das Libra-Konsortium der Finanzmacht der weltweiten Währungsspekulanten gewachsen ist, darf hinterfragt werden.
Die Schweizerische Zentralbank, die man nicht unbedingt als ohnmächtig bezeichnen kann, versuchte auch über Jahre den Schweizer Franken auf einem stabilen Wechselkurs zu belassen, indem sie Schweizer Franken „druckte“ und damit Euro kaufte. Irgendwann musste auch sie das aufgeben und der Kurs schnellte nach oben. Sie konnte dem Aufwertungsdruck nicht standhalten.
Ob Facebooks Libra einem Aufwertungsdruck oder Abwertungsdruck widerfahren könnte, ist unvorhersagbar und hängt von vielen Faktoren ab. Facebook müsste jedoch, um beispielsweise einem Abwertungsdruck entgegen zu wirken, ständig Dollar in die Hand nehmen, und sie gegen Libra verkaufen. Damit würde der Kurs von Libra im Vergleich zum Dollar gleich bleiben. Eine solche Währung zu stabilisieren, ist immens teuer.

Worum geht es Facebook?

Doch Facebook geht es nicht darum, eine stabilere Währung als den Dollar zu schaffen. Es geht auch nicht darum, unabhängig von Zentralbanken zu sein. Facebook geht es, wie könnte es anders sein, um Daten. Sie wollen Wissen über die Zahlungsströme und das Einkaufsverhalten ansammeln, es in Big Data einspeisen. Da in Facebook sämtliche zwei Milliarden Menschen mit Klarnamen gespeichert sein müssen (Facebook ist die größte Abbildung von Menschheitsbeziehungen der Geschichte!), könnte man so ungeheuer viele Informationen zusammenstellen. Das Einkaufsverhalten von Milliarden Menschen zu analysieren und zu verwerten könnte sich als Goldgrube herausstellen. Es geht also um Informationen. Es geht um Macht.

Der Vergleich mit China

Und hier ist der Schritt dann nicht weit zum Social Credit System, welches bereits in China installiert wird. In manchen Gegenden Chinas werden bereits sämtliche überwachten Daten in ein Ranking-System gegossen. Verstößt man gegen irgendwelche Vorgaben, so kann man in diesem Ranking-System nach unten rutschen. Wird man beim bei Rot über die Ampel gehen erwischt, so kann man Punkte verlieren. Spielt man zu laut Musik im Zug: Punkteabzug. Man spricht kritisch über China oder erwähnt Taiwan? Runter mit der Score! Politische Widerstand kann sofort gebrochen werden dadurch. Die Folgen von einer zu niedrigen Score: Man darf nicht mehr fliegen. Man darf nicht mehr mit dem Zug fahren. Deine Kinder dürfen nicht an eine gute Schule. Du zahlst höhere Zinsen für deine Kredite oder musst sie schneller abbezahlen. Dein Gesicht wird öffentlich gezeigt. George Orwell hätte sich das nicht ausdenken können.
Einerseits ermöglicht dies eine Steuerung breiter Bevölkerungsgruppen. Andererseits zementiert es die Macht derjenigen, die das System kontrollieren.
In China gibt man dem Staat diese Macht. Im Westen sind es die Großkonzerne, die diese Macht vereinen.

Worum geht es also bei Libra?

Es geht um Information! Es geht um Kontrolle! Libra könnte der erste Schritt sein, ein solches System auch im Westen zu etablieren. Die Großkonzerne, die diese Informationen steuern und sammeln, könnten damit ein ähnliches System wie in China etablieren.

“Geld ist gedruckte Freiheit”,

soll schon Dostojewski gesagt haben. Ziemlich sicher hat er nicht Libra damit gemeint. Es gilt, wachsam zu bleiben.

Source: Patrick Seabird

Warum es besser ist, an den Klimawandel zu glauben…

 

Als normalsterblicher Mensch ist es beinahe unmöglich heraus zu finden, ob der menschengemachte Klimawandel existiert, oder nicht. Auf der einen Seite stehen die Wissenschaftler des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), die dies bejahen. Auf der anderen Seite stehen vereinzelte Wissenschaftler, die entweder negieren, dass der Klimawandel existiert, oder aber dass er menschenverursacht ist.

Der Klimawandel ist eine Glaubensfrage.

Erschwert wird die Glaubwürdigkeit beider Seiten durch verschiedenste Hintergrundinteressen, die immer wieder aufgezeigt werden. Hinter beiden Seiten stehen Geld-, Macht und/oder Reputationsinteressen. Da man die Ergebnisse der Klimaforschung sehr schwer selber überprüfen kann, muss man einer der beiden Seiten glauben.
(Nur um eines klar zu stellen: Dieser Artikel behauptet nicht, dass der menschengemachte Klimawandel nicht existiert!)

Warum es besser ist, an den Klimawandel zu glauben

Dies erinnert stark an die so genannte Pascal’sche Wette. Blaise Pascal argumentierte im 17. Jahrhundert, dass es besser sei, an Gott zu glauben, als nicht, egal, ob Gott nun existiere oder nicht. Denn laut dem Wikipediaartikel gibt es folgende Möglichkeiten:
  • Man glaubt an Gott, und Gott existiert – in diesem Fall wird man belohnt (Himmel – Man hat gewonnen).
  • Man glaubt an Gott, und Gott existiert nicht – in diesem Fall gewinnt man nichts (verliert aber auch nichts).
  • Man glaubt nicht an Gott, und Gott existiert nicht – in diesem Fall gewinnt man ebenfalls nichts (verliert aber auch nichts).
  • Man glaubt nicht an Gott, und Gott existiert – in diesem Fall wird man bestraft (Hölle – Man hat verloren).
Man sei also besser dran, an Gott zu glauben. Denn glaubt man an ihn nicht, so kann man gar nicht gewinnen, nur verlieren. Glaubt man an ihn, so ist man auf der sicheren Seite.
Nun kann man die selbige Denkweise auf den Klimawandel, beziehungsweise die Möglichkeit, ihn durch menschliches Handeln abzuwenden, anwenden:
  • Man glaubt an den Klimawandel und er existiert – in diesem Fall wird man belohnt (die Erde bleibt bewohnbar)
  • Man glaubt an den Klimawandel , und er existiert nicht – in diesem Fall gewinnt man nichts
  • Man glaubt nicht an den Klimawandel , und er existiert nicht – in diesem Fall gewinnt man ebenfalls nichts
  • Man glaubt nicht an den Klimawandel und er existiert – in diesem Fall wird man bestraft (die Erde wird für den Menschen und viele Spezies unbewohnbar).

Es steht zu viel auf dem Spiel

Pascal schloss daraus, dass es besser sei, an Gott zu glauben, als nicht. Genau so, wie man nach der Analyse besser daran glaubt, dass der menschengemachte Klimawandel existiert und dementsprechend handelt. Es steht einfach zu viel auf dem Spiel. Wir können eine lebenswerte Erde gewinnen, oder untergehen. Die Rechnung ist einfach.
Doch Moment! Wie sieht es mit der Kritik an der Pascal’schen Wette aus?

Es ist doch nicht so einfach…

Die Kosten des Glaubens

Denn erstens ist die Verhinderung des menschengemachten Klimawandel nicht neutral, sondern sie kostet. Sie kostet den Verzicht auf Fleischkonsum. Sie kostet den Verzicht auf Flugreisen und Kreuzfahrten. Sie kostet den Verzicht auf kostengünstige Energieversorgung. Sie kostet Wohlstandsverlust. Sie kostet Machtverlust, insbesondere wenn andere Länder nicht an den menschengemachten Klimawandel glauben und weiter wachsen. Sie kostet schlimmstenfalls Freiheitsversust. Oft wird von Klimawandelvertretern mehr Zentralismus, schlimmstenfalls Ausbau von Strafen und Überwachungsstaat gefordert. Glaubt man also an den Klimawandel und er existiert doch nicht, hat man doch einiges zu verlieren.

Kritik an den Optionen

Wie bei Pascals Wette kann es noch andere Optionen geben. Es wäre möglich, dass
  • der Klimawandel zwar existiert, er aber nicht menschengemacht ist sondern ein natürliches Phänomen. Alle Maßnahmen wären umsonst gewesen.
  • der menschengemachte Klimawandel zwar existiert, er aber nicht durch CO2 verursacht wird. Vielleicht hat er ganz andere Ursachen. Wir würden uns einschränken, aber vielleicht an der falschen Stelle.
  • der Klimawandel zwar existiert, seine negativen Folgen jedoch überschätzt und die positiven Folgen unterschätzt werden: neue Handelswege, die möglich werden, wie die Nordwest- oder Nordostpassage, was Wohlstandszuwachs durch niedrigere Produktpreise verspricht. Zusätzliche Erdflächen, die bewohnbar werden. Mehr Pflanzenwachstum durch erhöhte CO2-Werte, sowie andere, unvorhersagbare Phänomene.
  • der Klimawandel zwar existiert, aber zukünftige technische Möglichkeiten nicht vorhersagbar sind und daher nicht einbezogen werden. Vielleicht bleibt der menschliche Erfindungsgeist, dass in der Zukunft entweder das Klima veränderbarer wird oder die Folgen besser vermindert werden können.
  • der menschengemachte Klimawandel existiert, aber er kann nicht durch die Menschen aufgehalten werden, weil die Menschheit zu sehr in ihren Verhaltensmustern stecken. Machtstreben, Individualitätsstreben, Wachstumsstreben können gar nicht aufgehalten werden – eine fatalistische Option.
Man sieht, so einfach ist es doch nicht.

Was bleibt?

Übrig bleibt die Erkenntnis, dass wir tatsächlich herausfinden müssen, ob der menschengemachte Klimawandel existiert oder nicht. Wir brauchen neutrale Forschung und unkorrupierbare Wissenschaftler. Wir brauchen Journalismus, der die Geldströme und Interessen im Hintergrund analysiert und offenlegt.

Wir brauchen mehr Ehrlichkeit.

Source: Patrick Seabird

Die Zukunft der Arbeit

 

Die Zukunft ist nicht vorhersagbar. Mit diesen Worten könnte dieser Artikel auch schon wieder enden. Karl Heinz Brodbeck drückt dies in seiner Herrschaft des Geldes auf Seite 787 so aus:

“[W]er Neues prognostiziert, müsste es selbst erfinden

Die Zukunft wird uns immer ungewiss bleiben. Wir können nur bisherige Trends auf die Zukunft extrapolieren. Das einzige, was wir tun können, um über die Zukunft zu reden, ist auf die Vergangenheit zu schauen und bisherigen Trends weiter verfolgen und aus vergangenen Lektionen lernen.

 Lektionen aus der Vergangenheit

Eine dieser Lektionen ist die folgende Lehre: Wenn jemand in der Vergangenheit sagte:

“Dieses Mal wird alles ganz anders sein”

dann lag diese Person meistens komplett falsch. Fast immer, wenn Propheten meinten, dieses Mal sei die Welt eine andere, die Situation unterschiedlich, die Wirtschaft würde nun anders laufen als früher, so wurde diese Person meist eines Besseren belehrt und verschwand klanglos von der Bildfläche. Eine Lektion aus der Vergangenheit ist:
Wenn Leute meinen, dieses Mal sei alles ganz anders, dann lauf!
Um also über die Zukunft der Arbeit reden zu können ohne sie selber zu erfinden, bleibt uns nichts übrig, als einen Blick auf die Vergangenheit der Arbeit zu werfen und uns Trends anzusehen:

Die Vergangenheit der Arbeit

In den 1950er Jahren war in Österreich eine Wochenarbeitszeit von 48 Stunden üblich. Dies hat sich innerhalb von 70 Jahren um ganze 10 Stunden auf 38,5 Stunden pro Woche reduziert. (Siehe hier Seite 4).
Im selben Zeitraum ist die Anzahl der Urlaubswochen von zwei auf fünf pro Jahr gestiegen. (Quelle ebenda)
Von 1964 bis 1999 verringerte sich die Arbeitszeit von 7.914 Millionen geleisteten Stunden auf 6.704 Millionen Stunden. Dies ist um insgesamt 1.210 Millionen Stunden weniger. Es werden also um 15% weniger Stunden im Jahr österreichweit gearbeitet als noch vor ungefähr 60 Jahren. (Siehe hier S.31)
Die Bevölkerung wuchs um beinahe zwei Millionen Menschen. (Siehe Wikipedia)
Gleichzeitig arbeiten mehr Menschen denn je in Österreich. die Beschäftigtenzahl stieg von um die 3 Millionen Menschen in den 1950er Jahren auf über 4 Millionen im Jahr 2016. (Quelle: Seite 7)
Materieller Wohlstand ist schwer zu messen, aber vor hundert Jahren besaß eine Familie insgesamt um die 180 Dinge. Heute sind es an die 10.000. (Quelle)
Für die Wohnungsgröße liegen nicht so lang zurückreichende Daten vor, aber im Jahr 2018 hatte jeder in Österreich lebende Mensch um ungefähr vier Quadratmeter mehr Wohnfläche zu Verfügung als noch im Jahr 2004, also nur 14 Jahre später. (Quelle Statistik Austria)
Die ÖsterreicherInnen arbeiten also, verglichen mit den 1950er Jahren, weniger Stunden pro Woche, weniger Stunden insgesamt, haben mehr Urlaub im Jahr, besitzen mehr Dinge und haben mehr Wohnfläche pro Person zur Verfügung. Es arbeiten zwar mehr Menschen denn je, diese arbeiten jedoch individuell weniger.
Die Ursachen für diese Entwicklung sind vielfältig. Die wichtigsten sind vermutlich technischer Fortschritt, verstärkte Importe und Exporte, bessere Organisation der Arbeit und gute Zusammenarbeit der Sozialpartnerschaft.

Die Zukunft der Arbeit

Wir haben heute unbestritten den höchsten technologischen Stand der bekannten Menschheitsgeschichte. Dennoch arbeiten in Österreich mehr Leute denn je.
Wenn man diese Trends jedoch so weiter führt, dann sieht es nicht so schlecht aus. Sollten sich diese Entwicklungen fortsetzen, so werden wir in Zukunft mehr Menschen sein und mehr Menschen auch eine Arbeit haben. Wir werden jedoch weniger Stunden pro Woche arbeiten und mehr Urlaub haben, aber trotzdem mehr besitzen.
Zwar werden Arbeitsplätze durch Technologisierung weg fallen. Es werden jedoch neue entstehen. Blickt man auf die Vergangenheit, so stimmt es längerfristig nicht, dass Maschinen Arbeitsplätze vernichten.

Falsche Propheten

All die Prohpeten, die das Ende der Arbeit durch Technologisierung herbeirufen, scheinen sich auf etwas anderes zu berufen, als vergangene Trends. Sie hätten schließlich das Gleiche auch prophezeien können, als die ersten Menschen auf den Feldern arbeitslos wurden, weil Traktoren erfunden wurden. Sie hätten ebenso das Ende der Arbeit vorhersagen können, als die ersten Weber durch den mechanischen Webstuhl ersetzt wurden. Dies ist über 200 Jahre her und dennoch arbeiten wir noch immer. Dieses Mal könnte alles anders sein, meinen die Propheten der Arbeit. Aber wieso sollte es das sein?
Diese auf wackeligen Beinen stehende Prophezeiung, dass uns Maschinen unsere kompletten Arbeitsplätze weg nehmen werden, hat nicht nur schon im 19. Jahrhundert dazu geführt, dass Menschen absichtlich Maschinen stürmten, um ihre Arbeit zu erhalten, sondern wird auch regelmäßig herangezogen, um Sozialexperimente wie das Bedingungslose Grundeinkommen zu rechfertigen. Auch hier steckt der gefährliche Gedanke dahinter, dass dieses Mal alles ganz anders sein könnte und uns dieses Mal Maschinen tatsächlich ersetzen könnten.
Eine Prämisse, die angezweifelt werden darf. Bisherige Trends sagen etwas anderes. Doch zum Glück ist die Zukunft nicht vorhersagbar. Vielleicht kommt es auch ganz anders.

Source: Patrick Seabird

Bergmann und New Work

Mit Spannung habe ich gerade den Artikel (Link) im neuen t3n Magazin über Frithjof Bergmann und „New Work“ gelesen. Dies ist ein Schlagwort, das mir schon öfters unterkam. Der Artikel selber ist ein wenig unscharf, wie vermutlich auch Bergmanns Theorie selber (das wird zumindest im Artikel angedeutet), aber zumindest eine Zeile ist bei mir hängen geblieben:

„Mein Konzept geht davon aus, dass die Menschen nicht wissen, was sie wollen.” (Hervorhebung von mir)

Dies ist eine interessante Annahme. Die moderne Wirtschaftstheorie geht nämlich genau von Gegenteiligem aus. Menschliches Handeln würde sich gerade dadurch auszeichnen, dass wir Ziele erreichen wollen. Wenn man über Wirtschaftswissenschaften spricht, so versucht man, diese Ziele aus zu klammern und nur darüber zur reden, wie Ziele gut erreichbar sind. Wir wir also mit kleinstem Input Größtmögliches erreichen. Wie wir, anders gesagt, effizient für uns und andere arbeiten.

Schon Ludwig von Mises schrieb zum Beginn seines Werkes Nationalökonomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens (S. 11 ff.):

“Handeln ist bewusstes Verhalten. […] Handeln ist Wollen, das sich in Tat und Wirken umsetzt und damit verwirklicht, ist ziel- und zweckbewusstes Sichbenehmen[…] Alles Handeln ist zielgerichtet, sucht Ziele zu erreichen und Zwecke zu verwirklichen.”

Das Bild des Homo oeconomicus

Somit geht die Wirtschaftswissenschaft spätestens seit Mises gerade davon aus, dass die Menschen wissen, was sie wollen. Das Bild des homo oeconomius ist ja mitunter eines, das von einem Mensch ausgeht, der genau weiß, was ihm nützt und diesen Nutzen zu maximieren sucht.

Wirtschaftswissenschaften sollten nur unterstützen, wie diese Ziele besser erreicht werden könnten.
Bergmann verwirft nun diese urgeigenste Prämisse der Wirtschaftswissenschaften, wenn er Unwissenheit über persönliches Wollen unterstellt. Gerade der heutigen Generation scheint diese Annahme nicht unbekannt vorzukommen.

Viele Menschen stehen genau vor dem Problem, dass sie überhaupt nicht wissen, wo es hin gehen soll. Tausende Möglichkeiten stehen offen, Bildung ist zumindest in Österreich nahezu kostenlos, über das Internet kann man sowieso alles lernen, es herrscht relative Gewerbefreiheit, man kann sich also halbwegs frei aussuchen, was man arbeiten möchte. Mit dem Flugzeug ist man innerhalb weniger Stunden um die halbe Welt gereist, in den Ländern der EU kann man sich niederlassen, wo man möchte. Es gab für so Viele noch nie so viele Möglichkeiten wie heute. Doch mit den Möglichkeiten kommt auch die Wahlfreiheit. Und damit wird Bergmanns Prämisse immer relevanter.

Menschen wissen also (oft) nicht, was sie wollen.

Bergmanns Lösung für dieses Problem waren Zentren der New Work. Die Frage, die sich hier zugleich stellt ist, wieso Menschen in diesen Zentren mehr wissen sollten, was sie wollen, oder auch wie sie anderen Menschen mitteilen könnten, was diese wiederum wollen. Ein Zentrum alleine löst noch nicht die Frage nach der Zielfindung.

Andere Möglichkeiten

Es gibt Möglichkeiten, heraus zu finden, was man will. Ich selber führe Übungen hierzu bei meinen Workshops bei Mission Waves durch. Dieses persönliche Problem lässt sich generell lösen, manchmal mehr, manchmal weniger. Ein wenig Unsicherheit über das eigene Wollen lässt auch Offenheit gegenüber Neuem zu und muss nicht unbedingt schlecht sein. Die spannendsten Menschen, die man trifft, wussten oft sehr lange nicht, was sie tun wollten.
Ungeachtet möglicher Lösungen auf die persönliche Frage des Wollens stelle ich mir die gesellschaftspolitische Frage, wie eine Wirtschaftswissenschaft aussehen muss, welche zumindest teilweise die Unwissenheit über die eigenen Präferenzen unterstellt. Und wie davon ausgehend praktische wirtschaftspolitische Empfehlungen ausgesprochen werden können. Es ist immer wichtig, die Annahmen über die eigenen Theorien zu hinterfragen und von anderen Prämissen ausgehend auch neue Theorien zu entwickeln.

Bergmanns Lösung scheint bisher nicht von Erfolg gekrönt gewesen zu sein. Damit öffnet sich jedoch die Chance für uns, diese Frage zu beantworten: Was wollen wir und wie könnten wir uns diese Frage gesellschaftlich beantworten. Was meint ihr?
Source: Patrick Seabird

Gedanken über Armut

Einer der Gründe, weshalb ich Wirtschaft studierte, war, weil ich das Problem der Armut verstehen wollte. Warum sind manche Menschen arm und andere reich?

Nun sitze ich in einer Pizzeria in San Cristóbal in Mexiko. Um mich herum sitzen an den Tischen mehrere Touristen, manche mexikanisch, sonst hauptsächlich US-Amerikaner. Herein kommt eine gebückte Gestalt, behängt mit mehreren bunten Tüchern. Es ist eine der alten Mexikanerinnen, die umhergehen und versuchen, etwas zu verkaufen. Soll ich ihr etwas abkaufen? Als ich noch versuche, mich an mein Wirtschaftsstudium zu erinnern, um eine sinnvolle Entscheidung treffen zu können steht sie schon vor mir und hält mir ihre Tücher vor die Nase. Ein wenig überrumpelt deute ich auf einen roten Schal. 200 Peso, meint sie, beinahe 10 Euro. Um diesen Preis würde ich mir nicht einmal in Österreich einen Schal zulegen, zumal ich eigentlich keine Schals trage. Ich stimme jedoch zu, mehr aus Mitleid und Unentschlossenheit, als aus irgendeiner rationalen Überlegung heraus. Sie übergibt mir den Schal, ich gebe ihr die 200 Pesos. Sie meint, sie hätte 250 gesagt. (Dies ist eine Szene, die sich in Mexiko noch wiederholen sollte. Entweder ich verstehe die Zahlen oft falsch, oder die Mexikaner irren sich in der Preisangabe und teilen ihren Irrtum erst nach Zuschlag mit. Ich möchte ihnen keine bösen Absichten unterstellen, denn wer würde es schon ausnützen, dass man die Landessprache nicht gut spricht?)
Als ich ihr klar mache, dass ich den Schal dann doch nicht nähme, nimmt sie die 200 Pesos doch, gibt mir den Schal und zieht von dannen.

Wie ist dieser Sachverhalt nun wirtschaftswissenschaftlich zu behandeln?
Die klassische Lehre sagt, dass, wenn ein Handel stattfindet, beide Seiten meinen, besser gestellt zu sein. Sonst hätten sie dem Handel nicht zugestimmt. Sie scheint den Wert von einem 200 Pesos Schein höher zu schätzen als den des Schals, vermutlich auch deshalb, weil ihre Beschaffungskosten nur ein Bruchteil dessen betragen. Und ich? Mir ist es rein materiell ziemlich egal, ob ich die 10 Euro besitze oder den Schal. Wenn mir eines von beiden entwendet würde, so würde es mir vermutlich nicht einmal auffallen. A propos, wo ist der Schal überhaupt? Ah ja, hier:

Bin ich nach diesem Tausch tatsächlich besser gestellt als zuvor, wenn es für mich keinen Unterschied macht? Interessant ist schon, dass diese Handlungstheorie ja davon ausgeht, dass a) Menschen immer wissen, was sie besser stellt und b) sie auch danach handeln. Wenn ein Handel einen immer besser stellt, wieso gibt es dann Privatkonkurse? Die Prämissen a) und b) scheinen mir doch sehr gewagt. Wenn sie jedoch nicht gültig sind, so hinterfragt man einen der Grundsätze der Marktwirtschaft.

Beim Nachhause gehen von der Pizzeria kommen noch weitere Zweifel an diesem Handel auf. Habe ich ihr durch diesen Kauf wirklich geholfen? Da ich den Schal gar nicht benötige, wäre es doch besser gewesen, ihr die Pesos zu geben und den Schal zu überlassen. Dann hatte sie ihn nochmal verkaufen können. Ein Geschenk hätte sie noch besser gestellt. Schenkökonomie scheint effizienter zu sein als Marktwirtschaft.
Oder ich könnte den Schal jetzt einem noch Ärmeren schenken, dem vielleicht sogar die Produktionsmittel für eigene Schals fehlen.
Was jedoch gegen das Schenken spricht: sollten mehrere Menschen nur Geld geben und nichts als Gegenleistung wollen, würde sie vermutlich nur noch betteln. Und etwas verkaufen ist gefühlt besser als betteln. Ökologisch gesehen wäre wiederum betteln besser – die Ressourcen für die Herstellung der Schals könnten geschont werden.

Spontan fällt mir noch eine Möglichkeit ein, die offensichtliche Armut zu lindern. Ich könnte Produktionsmittel schaffen. Sollten die Schals, wie ich mir das in meiner naiven Vorstellung ausmale, per Hand in einem der umliegenden Dörfer hergestellt werden, so könnte eine industrielle Maschine vermutlich den Output steigern und damit die Kosten eines Schals senken. Diejenigen, die davor mit Nähen beschäftigt waren könnten dann sich auch um Vertrieb und Verkauf kümmern, was den Absatz erhöhen könnte. Danke, Betriebswirtschaftsstudium!

Wieder meldet sich die kritische Stimme in mir: und was ist mit den umliegenden Dörfern die keine Maschine besitzen? Sie könnten mit diesen niedrigen Produktionskosten nicht mithalten und wären noch ärmer gestellt. Nun gut, sie müssten halt innovativ sein und andere Produkte herstellen. Die Touristen in San Cristóbal könnten noch billiger Schals kaufen und zusätzlich neue andere Produkte. Fortschritt nach westlicher Art. Ökologisch ebenso bedenklich.

Und vielleicht sind die Armen auch gar nicht unglücklich? Vielleicht gefällt es gar dieser alten Frau, tagaus, tagein, durch die Straßen zu laufen und ihre Ware anzubieten? Ist es wiederum kontinentaleuropäische Selbstüberschätzung, anderen Kulturen beibringen zu wollen, was das gute Leben ist, ohne das selber so richtig zu wissen?!

Mit Erschüttern stellte ich fest, dass mir mein vierjähriges Wirtschaftsstudium bei der praktischen Frage nach Linderung der Armut keinen Deut hilfreich ist. Aber vielleicht war das auch nicht das Ziel des Lehrplans .

Source: Patrick Seabird

Die Geschichte von PATRON4change

Im Jahr 2016 kontaktierte mich Helmut. Er wollte ein Crowdfunding-Projekt starten und wollte wissen, ob ich ihn dabei beraten könnte. Nach einigen Gesprächen fand ich mich auf einmal als Teil des Projekts wieder. Seither arbeite ich bei PATRON4change mit und seither ist viel passiert.

 

 

Was ist PATRON4change?

PATRON4change versuchte ein Problem zu lösen, das wir selber hatten: Wir wollten uns zivilgesellschaftlich engagieren. Jedoch gibt es keine Bezahlung hierfür. Man kann sich entscheiden: Entweder ich mache eine gesellschaftlich relevante Tätigkeit oder ich gehe Erwerbsarbeit nach. Beides gleichzeitig ist sehr schwer möglich.
PATRON4change sollte hierfür eine Lösung bieten. Ich zitiere von unserer neuen Homepage:

Auf der Crowdfundingplattform PATRON4change können sich Pioniere des Wandels präsentieren. So haben sie die Chance, Unterstützer*innen für ihre Vorhaben zu finden. Über eine monatliche finanzielle Zuwendung von “Patrons” (Personen oder Firmen) entsteht ein Zusatzeinkommen, mit dem die Changemaker sich ihr Engagement besser leisten und ihre Vorhaben eher umsetzen können. Darüber hinaus liefern sie uns in ihren Videos Inspiration, Motivation und Orientierung dafür, wie sich jeder einzelne von uns engagieren kann.

Somit ist PATRON4change zwar eine Crowdfunding Plattform, nur eine etwas andere, innovativere. Zahlungen erfolgen nicht einmalig sondern regelmäßig und ermöglichen so ein Einkommen. Nicht irgend welche Projekte sollen unterstützt werden, sondern Menschen, die an Missionen arbeiten, die zivilgesellschaftlich relevant sind und die ein besseres Zusammenleben zwischen den Menschen selber und zwischen Mensch und Natur ermöglichen.

Was ist meine Aufgabe bei PATRON4change?

In einem Team ist es wichtig, dass unterschiedliche Fähigkeiten zusammen kommen.
Helmut war Visionsgeber. Er hatte die Idee zusammen mit Fabian entwickelt.
Helmut ist Vernetzer. Er kennt überall Leute und lernt ständig welche kennen. Er ist hoch motiviert und engagiert. Und er hat durch seine Arbeitserfahrung, die von einer Werbeagantentur bis hin zu Arbeit beim Social Startup Talentify reichen, auch die notwendigen Tools parart, um ein soziales Unternehmen zu führen.

Ich brachte zunächst meine technischen Fähigkeiten ein. Eine simple Homepage war schnell aufgesetzt. Videos für unseren Kanal auf Whatchado waren von mir produziert. Ich brachte dafür das notwendige Equipment mit.
Meine Erfahrungen mit Social Media und Blogging konnte ich ebenso einsetzen. Hier ein Blogeintrag auf unserer neuen Seite, die unsere Social Media Kanäle zusammenfasst.
Durch meine Erfahrungen mit meinem persönlichen Vlog war ein Unternehmensvlog im Handumdrehen produziert:

Und natürlich konnte ich durch meine betriebswirtschaftliche Ausbildung einiges zur Unternehmensstruktur einbringen.

Helmut und ich sind sehr selbstorganisiert und -diszipliniert und haben großen Spaß an der Arbeit. Wir können gut mit Ungewissheit umgehen. Wenn man mich gefragt hätte, ob ich an die Idee glaubte, so hätte ich das vermutlich verneint. Aber ich hätte auch nicht nicht daran geglaubt.  
Woher soll man wissen, ob eine neue Idee funktioniert, bevor man sie ausprobiert hat?

Die Plattform steht

Damit konnten wir die Plattform zu dem machen, was sie heute ist.
Auf https://patron4change.org/ kann man sie in ihrer ganzen Pracht bewundern. Dieses Jahr flossen die ersten Euro über die Plattform. Dies sehe ich als erstes Zeichen, dass das Pflänzchen beginnt zu sprießen. Ich persönlich sehe es als wichtiger Meilenstein, dass sie verwendet werden kann und dass sie auf Nachfrage trifft.
Nun gilt es, auf diesem Erfolg aufzubauen. Die Reise geht weiter. 

Gelernt habe ich bereits vieles auf dieser Reise. Trotz Rückschlägen nicht aufzugeben. Und neben den persönlichen Skills, dem technischen Know How und den Führungsqualitäten war es eines, das ich erneut lernen durfte: Dankbar zu sein.

Dankbarkeit

Nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.

Es ist unglaublich, was für Hilfe einem bei einer Mission zuteil wird, wenn man bittet. Sei es beispielsweise von den HTL-Schülern der HTL tgm, die durch unzählige Programmierstunden beitrugen, oder sei es durch die Kanzlei Schönherr, die rechtliche Beratung lieferte

So viele Menschen haben zu PATRON4change ehrenamtlich beigetragen, dass man sie gar nicht alle erwähnen kann. Sie wurden alle durch die Idee inspiriert. 
Ihnen gebührt die größte Dankbarkeit! Denn ohne sie wäre PATRON4change bei weitem nicht da, wo es jetzt stünde: Als fertige Plattform bereit, um sozialen Wandel herbei zu führen!
Source: Patrick Seabird

The Dictator’s Handbook Rezension

Ein Grund, weshalb ich mich schon mein halbes Leben lang mit Wirtschaft befasse, ist, dass ich immer schon verstehen wollte, wie die Spielregeln unserer Gesellschaften funktionieren. Ich wollte wissen, wieso manche Länder arm und andere reich sind.

Wir wissen heute, dass Armut rein technisch gesehen leicht zu beseitigen wäre. Jean Ziegler drückt dies in einem starken Satz aus: „Die Weltlandwirtschaft könnte problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren. Das heißt, ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet“

Armut ist heute kein Produktionsproblem mehr, sondern eines der Verteilung. Sie ist eine Frage der Macht.

Nun ist Macht ein Thema, das die Wirtschaftswissenschaften gekonnt ausblenden.

Ein Glücksfall

Durch einen Glücksfall stieß ich auf das Buch „The Dictator’s Handbook. Why bad behavior is almost always good politics.“ Der Titel könnte nicht schlechter gewählt sein, denn er suggeriert, dass es in diesem Buch nur um Diktaturen geht oder um schlechtes Benehmen – was nicht der Fall ist.

In Wirklichkeit haben Bruce Bueno de Mesquita und Alastair Smith mit diesem Buch viele Geheimnisse der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften gelöst. Ich sehe es als eines der wichtigsten Bücher an, die ich je zum Thema Macht, Politik und Wirtschaft gelesen habe. Es geht um Machtstrukturen in Wirtschaft und Politik, egal ob demokratisch oder autokratisch organisiert.

Die beste Zusammenfassung dieses Buches kann man in diesem 20 minütigen Youtube-Video sehen:


Dieses Video ist zwar humorvoll gestaltet, aber die Inhalte sind wichtig wenn es darum geht, Wirtschaftspolitik zu verstehen.

No man rules alone

Zurück zum Buch. Die Autoren schreiben darin zunächst auf Seite 1:

„[…] no emperor, no king, no sheikh, no tyrant, no chief executive officer (CEO), no family head, no leader whatsoever can govern alone.“

Dies ist ein Prinzip, das oft vergessen wird. Macht ist kein einseitig ausübbare Funktion, sondern muss in einem Beziehungsgeflecht stattfinden. Wie sieht dieses aus?

Drei Gruppen der Gesellschaft

Aus Sicht eines Staatsmannes, sei er Demokrat oder Diktator, kann man den Rest der Bevölkerung in drei Gruppen einteilen:

1.) Das „nominal selectorate“ oder auch die „interchangeables“ – eine große Gruppe austauschbarer potenzieller Kandidaten, diejenigen, die vorgeblich den Anführer auswählen.

2.) Das „real selectorate“, die „influentials“ -die, die tatsächlich den politischen Anführer auswählen oder zumindest großen Einfluss darauf ausüben, wer regiert.

3.) Die „winning coalition“ oder die „essentials“ – diejenigen, die im Video die „keys“ genannt werden. Diejenigen, die auf jeden Fall befriedigt werden müssen, möchte der Anführer weiter regieren.

Einer der Autoren stellt diese Theorie in diesem Interview vor:

Um es nicht zu kompliziert zu machen: Ein Anführer kann nicht alles alleine entscheiden. Er ist abhängig von Unterstützern. Umgekehrt sind die Unterstützer abhängig von der Politik, die der Anführer macht. Das System stützt sich gegenseitig

Das Ziel der Politik

Politische Anführer haben laut dem Buch ein Ziel: „To come to power, to stay in power and, to the extent that they can, to keep control over money.“ (S.xxiv)
Damit gehen die Autoren gleich von einem anderen Menschenbild für Anführer aus, als wir es oft annehmen. Wir denken oft, Anführer wollen nur das Beste für das Volk und wir sind wütend und enttäuscht, wenn sie das Gegenteil machen.

Dabei sind Anführer genau deshalb an dieser Position: um der winning coalition und sich selber möglichst viele Ressourcen zu verschaffen. Anführer sind an ihrer Position, weil das primär ihrem Eigeninteresse und damit dem ihrer Unterstützer dient. (Vgl. S.xxiii)

Damit dienen die meisten Aktionen der Politik, wie Steigerung der sozialen Wohlfahrt oder des Wohlstandes des Volkes immer einem Ziel: Machterhalt – und das nicht nur in Diktaturen, sondern auch in Demokratien. 
Aus Sicht eines politischen Führers und seiner Unterstützer hat das Volk eine Funktion: Steuern zu zahlen.

„From a leader’s point of view, the most important function oft he people is to pay taxes. All regimes need money. As a result, certain basic public goods must be made available even by the meanest autocrat, unless he has access to significant revenue from sources, like oil or foreign aid, that are not based on taxing workers. Public benefits like essential infrastructure, education, and health care, need to be readily available to ensure that labor is productive enough to pay taxes to line the pockets of the rulers and their essential supporters. These policies are not instituted for the betterment of the masses, even though, of course, some members of the masses, especially workers, benefit from them.“ (S.107)

Es kommt nicht auf den guten Willen an, ob die Masse eine gute medizinische Versorgung, eine gute Ausbildung oder eine gute Infrastruktur erhält. Sondern es kommt darauf an, ob dies dem Machterhalt und -Ausbau des Anführers und seiner Unterstützer dient.

Dies könnte der Grund sein, weshalb Maria Theresia just da die allgemeine Schulpflicht einführte, als sie sah, dass die gegnerischen Soldaten besser gebildet und damit schlagkräftiger waren. 
Dies könnte weiters der Grund sein, weshalb unsere Universitäten immer verschulter werden und immer mehr Spezialisten produziert. Nicht frei denkende, das System durchschauende Menschen sollen gebildet werden, sondern gute Arbeiter, die genau so viel wissen, dass sie das BIP steigern können und genau so wenig, dass sie das System nicht durchschauen.

Weitere starke Sätze

Das Buch ist noch voll von starken Sätzen und wichtigen Erkenntnissen.
Zum Beispiel wird die Frage beantwortet, weshalb politische Führungspersönlichkeiten fast nie tatsächlich etwas ändern, sondern versuchen, Bestehendes zu erhalten.

„It is the existing rules that have allowed them to seize and control resources to date.“ (S.251)

Sie sind genau durch dieses System an die Macht gekommen und umgekehrt ist es der Wille der wichtigsten Systemspieler, dass genau sie an den Schalthebeln sitzen und nicht jemand, der wirklich etwas ändern will. Außer natürlich, es ist zu Gunsten der essentials. Aber wehe, ein Anführer stellt sich gegen deren Willen:

„[…] those who can bring a leader to power can also bring the leader down.“ (S.59)

Wirklich verändern können und wollen solche Anführer selbstredend nichts, sonst sind sie schnell wieder ihre Position los. Dies könnte auch der Grund sein, weshalb ein neuer Manager einer Firma nicht gleich auf eine andere Position umschwenkt. Oder warum politische Parteien vor der Wahl sich zwar stark unterscheiden, nach der Wahl jedoch die gleiche Politik unter anderen Vorzeichen durchführt.

Warum sind manche arm?

Zurück zu unserer Frage, weshalb manche Länder oder Bevölkerungsschichten innerhalb von Ländern arm sind, obwohl wir technisch gesehen kein Produktionsproblem mehr haben.
Weil dies dem Machterhalt dient! Und weil Anführer und ihre Unterstützer mehr Ressourcen an sich ziehen können, wenn sie anderen diese weg nehmen können.

„It is impossible to make the world great for everyone. Everyone doesn’t want the same thing. Think about […] the three dimensions of political life: hardly ever is it true that what is good for leaders and their essential backers is good for everyone else. If they all had the same wants  there wouln’t be misery in the world“ (S.252)

Besonders schmerzhaft erkennt man dies, wenn es um das Thema Entwicklungshilfe im Buch geht.
Entwicklungshilfe, selbst wenn sie von demokratischen Anführern gewährt wird, dient genau diesen und nicht dem Land selber. In Kapitel 7 wird gezeigt, dass Entwicklungshilfe meist genau so gewährt wird, dass sie Diktaturen in den Empfängerländern unterstützt. Warum? Ein Diktatur ist von einer geringeren Zahl von Unterstützern abhängig und ihre Politik kann damit günstiger gekauft werden.

„Example after example highlight the simple fact that aid is given in exchange for policy concessions far more readily and in far larger quantities than to reduce poverty and suffering“ (S.177)

Menschen und Nationen sind meist dann arm, wenn sie daran gehindert werden, Reichtum zu schaffen – gehindert von Machthabern, die persönlich besser dran sind, wenn das Volk arm bleibt –  Machthaber, die ihre Macht lieber behalten, als Wohlstand für alle zu schaffen. Eben dieser Wohlstand wird nur dann geschaffen, wenn er auch dem Machterhalt dient.

Man könnte noch viele Beispiele und Erkenntnisse aus dem Buch erwähnen. Eine Lektüre sei dringend ans Herz gelegt. Wichtig zu erwähnen ist: Es sind Politikwissenschafter, die ihre Erkenntnisse auf empirischer Sozialforschung aufbauen und populärwissenschaftlich widergeben.

Es liegt an uns!

Das Buch liefert wichtige Bausteine am Weg zur Erkenntnis. Die Wirtschaftswissenschaften haben zu lange die Machtfrage ausgeklammert. Zwar ist es wichtig, sich Effizienzgedanken zu machen. Noch viel wichtiger wäre es jedoch, die Machtstrukturen hinter der Armutsfrage zu durchschauen. Nur so kann wirklicher Reichtum auf der Welt entstehen. Nur so können wir nicht in die Falle geraten, Politiker für ihre Handlungen zu verurteilen. Wenn man von einer Politikerin etwas will, dann darf man nicht betteln. Man muss politisches Handeln verstehen. Man muss verstehen, dass sie auf diesem Posten sitzt, weil es ihr und ihrer wichtigsten Unterstützer dient.
Hier muss man ansetzen, wenn man bessere Bildungschancen, bessere Infrastruktur, mehr zivile Freiheiten oder wirtschaftlichen Reichtum möchte.

Auf diesem Gebiet muss noch viel Forschung passieren. Macht, ökonomischer Fortschritt und wirtschaftlicher Reichtum können nicht getrennt voneinander betrachtet werden, wenn man ernsthaft an einer Welt in Wohlstand interessiert ist!

Es liegt an uns, dieses Wissen zu verbreiten!

Das ganze Buch kann übrigens hier angehört werden!
Source: Patrick Seabird

Mission Waves – das erste Berufsfindungssurfcamp!

Nun ist es endlich so weit. Mission Waves, das erste Surfcamp, bei dem du auch deine Berufung findest, ist gestartet!

Eine Idee entsteht

Alles fing im Jahr 2015 mit einer Idee an. Warum nicht ein Surfcamp starten, bei dem man auch philosophieren kann? Bei dem es um die wichtigen Fragen im Leben geht. Bei dem man nicht nur aus dem Alltag flieht, um nachher wieder dort weiter zu machen, wo man stand, sondern aus dem man mit neuen Perspektiven, neuen Ideen und eventuell sogar mit dem Wissen der eigenen Berufung herausgeht?

Von der Vision zur Realität

Diese Vision wurde kürzlich zur Realität. Zusammen mit unserem Partner Mission to Surf können wir nun ein ausgereiftes Paket anbieten. Über Mission to Surf lernen wir in einer Woche Surfen. Über Mission Waves arbeiten wir an unserer persönlichen Missionsfindung. So verbringen wir eine spannende Woche in der man nicht nur den schönsten Sport der Welt lernt, sondern mit einem frischen Wind wieder nachhause fährt.

Was ist mit Berufung gemeint?

Berufung mag für viele Ohren spirituell angehaucht klingen. Prinzipiell geht es bei diesem Seminar darum, einen persönlichen Weg zu finden. Die Berufsentscheidung ist eine der großen Weggabelungen im Leben. Man sollte sich Zeit nehmen, um sie zu treffen. Nur allzu oft trifft das Umfeld diese Entscheidung, manchmal sogar die Eltern. Dabei ist die Frage nach dem richtigen Beruf eine, die die wichtigsten Lebensfragen berührt: Was macht einen glücklich? Was ist Glück überhaupt? Wozu ist man auf dieser Welt? Was kann man beitragen, damit diese Welt in eine gute Richtung geht? Wohin gehen wir? Wo waren wir? Wo wollen wir hin? Was ist Geld und wieviel brauche ich davon?
Somit wird die Frage nach dem persönlichen Beruf eben auch eine der Berufung. Damit ist sie eine zutiefst philosophische. Es ist an der Zeit, sie sich zu stellen und damit den Weg zu einem erfüllenden und inspirierenden Leben zu beschreiten!

Interesse?

Auf www.missionwaves.com gibt es mehr Infos!
Wir sehen uns im Wasser!

 

Source: Patrick Seabird

Warum gibt es A*schlochkaffee?

Raj Patel ist ein bemerkenswerter Charakter. Er arbeitete für die World Bank und ist gleichzeitig ein großer Kritiker derselben. Er ist Universitätslektor und zeigt Sympathien für anarchistische Denkmodelle. Seine Mutter ist aus Kenia, sein Vater aus Fidschi. Er bekam die amerikanische Staatsbürgerschaft, lebte jedoch viel in Simbabwe und Südafrika. Von manchen wird er gar als neuer Buddha gefeiert, was er selber jedoch bestreitet.

Sein Buch „The Value of Nothing. How to reshape market society and redefine democracy“ ist ein wahrhaft lesenswertes Buch. Alleine schon seine Analyse zum Geldsystem darin ist erwähnenswert:

„Without cash in a market society, you’re free to do nothing, to have very little and to die young. In other words, under capitalism, money ist he right to have rights.“ (p.113.)

(Man könnte dem natürlich gleich entgegnen, dass diejenigen ohne Geld noch immer ihre Arbeitskraft anbieten und so zu Geld kommen können, damit das Recht zu arbeiten nicht an den Besitz von Geld gebunden ist, aber das ist eine andere Geschichte)

Er zitiert im Buch auch das brillante Bonmot von Oscar Wilde:

„Nowadays people know the price of everything and the value of nothing“.

The Green Lie

Ich bin Raj Patel im sehenswerten Film The Green Lie wieder begegnet:


Wer den Film noch nicht gesehen hat, sollte das jetzt tun!
Patel gibt darin ein Interview. Er stellt in diesem eine Frage, die mir zunächst zu denken gab:

„Ich kaufe Fairtrade-Kaffe, weil die Alternative ist… Was? „A*schloch-Kaffee?““

Im Anschluss fragt er im Film, warum überhaupt unfairer Kaffee verkauft werden darf? Warum es nicht nur guten Kaffee zu kaufen gibt? Eine gute Frage.

Die Skala ist offen

Ich möchte hier nicht im Geringsten unfaire Arbeitsbedingungen rechtfertigen. Weiters finde ich die ökologische Zerstörung unseres Planeten muss unbedingt gestoppt werden, bevor wir unsere Lebensgrundlage komplett ruiniert haben. Aber ich habe eine Antwort auf Patels Frage, warum es überhaupt A*schloch-Kaffee zu kaufen gibt: Zunächst einmal weil es zwischen gut und schlecht Abstufungen gibt. Es gibt kein absolut gutes Produkt. Egal wie nachhaltig und fair man ein Produkt herstellt, immer wird sich irgendwer benachteiligt fühlen. Immer wird der Lebensraum eines anderen Lebewesens gestört werden. Immer verändert man etwas auf diesem Planeten. Natürlich gibt es Mindeststandards wie die Menschenrechte, die nicht diskutabel sind. Aber davon abgesehen ist die Frage: Was bedeutet überhaupt fair? Um es anders auszudrücken: Die Gutheitsskala ist nach oben hin offen. Man kann immer neue Produkte erschaffen, die noch fairer, noch besser, noch nachhaltiger, noch weniger schädlich sind.

Welchen Standard will ich?

Das heißt, zunächst kann man sich die Frage stellen: Möchte ich nicht lieber auf das Produkt überhaupt verzichten, wenn bei der Produktion nicht einmal die Menschenrechte eingehalten werden können. Vermutlich wäre der Verzicht und die Konsumreduktion sowieso eines der besten Mittel um diesen Planeten für unsere Kinder noch bewohnbar zu hinterlassen. Dann kann man sich die Frage stellen: Welchen Standard will ich bei meinen Produkten? Das Problem hierbei ist, dass Standards meist mit einem Preis verbunden sind. Möchte ich lieber, dass Essen mit der Hilfe von Pestiziden hergestellt wird und dafür in so großen Mengen, dass der Preis für eine große Bevölkerung leistbar ist, oder möchte ich nachhaltigere Lebensmittel aber dafür höhere Preise? Die Korrelation stimmt zwar nicht immer, aber meist bedeuten höhere und bessere Standards auch teurere Produkte und damit ein materiell kleinerer Wohlstand.
Wo hier die ideale Punkt ist, kann durchaus auch eine Konsumentscheidung sein.

Ich gehe nochmal zurück zum A*schloch-Kaffee. Vielleicht ist ja Fairtrade-Kaffee der eigentliche A*schloch-Kaffee, nämlich von einer noch ethischeren Warte aus gesehen?! Weil Fairtrade-Kaffee ist üblicherweise nicht biologisch hergestellt. Somit könnten die Landwirte, die fairen und biologischen Kaffee produzieren alle Fairtrade-Landwirte als A*schlöcher bezeichnen. Und Landwirte, die fairen, biologischen und auf Permakultur-Prinzipien aufbauenden Kaffee produzieren, könnten wiederum die anderen mit Schimpfwörtern belegen. Und so weiter. Die Grenze des Guten ist nach oben hin offen!

Was A*schloch ist und was nicht ist kein absoluter Wert, sondern eine verschiebbare Skala. Und macht nicht genau das auch eine Marktwirtschaft aus? Dass es doch auch eine gewisse Wahl gibt zwischen verschiedenen Produkten? Dass man sich zumindest selber entscheiden kann, ob man faireren Kaffee kauft oder weniger fairen? Dass man doch beim Kauf auch in einem gewissen Rahmen seinen ethischen Vorstellungen faktischen Raum verschaffen kann?! Dass man durch seine Kaufentscheidung auch eine gewisse Macht hat? Dass man Verantwortung übernehmen darf und nicht nur groß über Ethik reden braucht, sondern sogar durch die eigenen Handlungen zeigen darf, dass man auch ethisch lebt?! Und dass, wenn einem das derzeitige Angebot nicht ethisch genug ist, man noch immer selber zum Unternehmer werden kann und versuchen kann, ein gleiches Produkt zu besseren Bedingungen anzubieten?!

Wird es immer A*schlochkaffee geben?

Natürlich gibt es A*schlöcher. Die, die gegen die Menschenrechte verstoßen und sich nicht einmal an universale ethische Mindeststandards halten können, dürfen zu Recht so bezeichnet werden. Ja, hier sollte es Verbote geben und gibt es zum Glück auch. Darüber hinaus macht man es sich vielleicht ein wenig leicht, wenn man die Welt in gut und böse einteilt. Es wird immer Abstufungen zwischen den moralischen Produktionsweisen geben. So gesehen wird es immer A*schloch-Kaffee geben.
Source: Patrick Seabird

Ältere Beiträge