MMag. Patrick Siebert

Patrick Seabird

Kategorie: polyamorie

Soll man sich für andere verändern?

 

Eine Person beschwert sich über eure Handlung. Die Freundin meint, ihr seid daran schuld, dass es ihr nicht gut ginge. Der Nachbar regt sich auf, dass ihr zu laut seid. Ein Freund meint, ihr habt euch verändert und seid zu egoistisch geworden. Ein Passant beschimpft euch, weil ihr bei Rot über die Ampel gegangen seid.
Die Frage, die sich hier jeweils stellt ist die:

Soll man sich, sein Verhalten und seine Einstellung ändern, wenn jemand anderer nicht im Frieden ist?

Was meint die Crowd?

Stellt man diese Frage an verschiedene Leute, so bekommt man Antworten aus dem ganzen Spektrum. Mögliche Antworten sind:
  • “Wieviel Deckung mit meiner wahrgenommenen Realität? Ist die Anforderung berechtigt? Wenn ja, will ich sie erfüllen? Kann ich sie erfüllen?”
  • “ Versuchen zu ergründen welche Anteile beide an dieser Unzufriedenheit beisteuern, wie das mit jeweiligen inneren Faktoren (Bedürfnisse, Konditionierung, Ängste, Wünsche und Hoffnungen…) und äußeren Lebensumständen zusammenhängt. Danach erneut betrachten wie in diese Situation gekommen und in welchen Bereichen welche Art von Änderung notwendig ist. Das ganze idealerweise im Gleichgewicht von Kommunikation (zusammen) und Kontemplation (allein)……und Zeichentrickfilme schauen.”
  • “ Beim Anderen kann man nichts verändern, bei einem selbst schon.”
Oder auch:
  • “Mir hat einmal jemand gesagt, dass man nicht auf der Welt ist, um so zu sein, wie andere einen gern hätten. Ist man selbst unzufrieden, sollte man sich ändern. Bedeutet eine Veränderung seiner selbst nur die Befriedigung des Gegenübers, ist es falsch und man verliert sich in fremden Bedürfnissen.”
  • “Ich gebe der regierung die schuld und freue mich das sie sich gerade selbst auflöst ?
Es herrscht also Uneinigkeit über die Frage, wie man auf die Beschwerden anderer reagiert und Menschen scheinen hier sehr unterschiedliche zu handeln. Manche meinen, man solle sich eher nicht ändern. Andere würden zunächst reflektieren und sich dann schon ändern. Aber wann handelt man anschließend wie? Wenn man nur auf die Bedürfnisse anderer reagiert, dann vergisst man doch sich selbst. Reagiert man gar nicht, so hört man nur auf sich. Was ist die Lösung?

Drei Fragen

Es war Walter Siebert, welche folgende reflektierende Fragen vorschlug, um generell eine Handlung zu bewerten:
  1. Ist es gut für mich?
  2. Ist es gut für die andere Person?
  3. Ist es gut für das Große Ganze?

Gut für mich?

Diese Frage ist meist recht schnell zu beantworten, insbesondere für Egoisten. Eine Handlung muss jedoch nicht unbedingt materiell gut für mich sein. Sie kann auch einfach Spaß machen. Oder das Ziel, das durch die Handlung erreicht wird, kann gut für mich sein. Oder sie ist alleine dadurch schon gut, dass mein altruistisches Mitgefühl befriedigt wird.

Gut für die andere Person?

Das ist oft nicht so leicht zu zu entscheiden. Wenn die andere Person ihren Unmut äußert, so scheint es sie zumindest zu stören. Die Frage ist natürlich, ob die vorgeschlagene Handlung wirklich hilft. Helfe ich der Person wirklich, oder verhindere ich dadurch nicht, dass sie sich andere Wege sucht und somit sich selber helfen lernt?! Und nur, weil es gut für andere ist, muss es nicht gut für mich sein. Wieso sollte man einer Handlungsaufforderung zustimmen, die nur von Vorteil für die andere Person ist?

Gut für das Große Ganze?

Wenn beide vorherige Fragen mit Ja beantwortet wurden, kann man sich auch die generelle Frage stellen: Was ist mit allen anderen Lebewesen? Was ist mit dem System? Diese Frage entspricht am ehesten dem von Kant formulierten kategorischen Imperativ, dass man nur nach der Maxime handeln sollte, von der man auch wollte, dass sie allgemeine Gesetzgebung werden sollte.
Diese Frage stellt auch die Frage nach der Nachhaltigkeit. Ist die Handlung gut für die nachkommenden Generationen? Es kann schön für dich und mich sein, wenn wir zusammen auf Urlaub nach Thailand fliegen. Aber was zerstören wir durch diese Handlung weltweit und für zukünftige Generationen?
Es kann gut für dich und mich sein, wenn wir beide darauf einigen, dass ich schwarz für dich arbeite. Aber für alle anderen ist es schlecht. Unter einem falschen Arbeitsvertrag zu arbeiten kann unmittelbar gut für beide Seiten sein, aber schlecht für alle, die sich an das Arbeitsrecht halten.
Ist die vorgeschlagene Handlung nachhaltig? Ist sie systemgefährdend?
Eine Kombination der obigen Fragen verhindert, dass man über die Bedürfnisse des Gegenübers fährt, und gleichzeitig sich und die Umwelt vergisst.

Buddhistische Wirtschaftsethik

Karl-Heinz Brodbeck, Wirtschaftsphilosoph, stellte in seiner buddhistischen Wirtschaftsethik ebenso eine Kombination obiger Fragen dar. Für ihn bedeutet Altruismus, sein eigenes egoistisches Verhalten zu verringern und das Leiden aller Lebewesen zu reduzieren. Dabei sollte man sich jedoch nicht selber vergessen. Auf Seite 94 in seiner Buddhistischen Wirtschaftsethik schreibt er:

„Für das Wohl aller Lebewesen einzutreten, schließt das eigene Wohl mit ein[…]“

Und auf Seite 83:

“Altruismus im Sinne der buddhistischen Wirtschaftsethik heißt nicht: Vorrang des anderen Ego-Prozesses vor dem eigenen Ego-Prozess, sondern bedeutet eine Sicht- und Handlungsweise jenseits egoistischer Motive.”

Es geht also nicht darum, das Leiden der anderen Person zu lindern, indem man selber mehr leidet. Es geht generell darum, Egoprozesse zu verringern. Vergisst man sich und handelt nur für andere, so erliegt man dem Helfersyndrom und kann in Richtung Burn-Out gehen. Vergisst man die anderen, so läuft man durch die Welt wie ein Alleinherrscher.

Verantwortung wahrnehmen

Obige Fragen, die Verantwortung über sich selbst, den anderen und über das Große Ganze wahr zu nehmen. Also: Soll man sich, sein Verhalten und seine Einstellung ändern, wenn jemand anderer nicht im Frieden ist? Wäre das gut oder zumindest neutral für mich? Würde das wirklich hilfreich für die andere Person sein? Und wäre es gut für das Große Ganze, also das System, alle anderen Lebewesen und für zukünftige Generationen?
Lautet die Antwort eindeutig Ja, so kann die Handlung stattfinden.

Source: Patrick Seabird

Polyamorie und Eifersucht

Eine der häufigsten Fragen, die im Zusammenhang mit Polyamorie gestellt wird, ist die nach der Eifersucht. „Ich wäre viel zu eifersüchtig dafür“ ist eine oft getätigte Aussage. Andere sind überrascht darüber, wenn man Eifersucht als polyamorer Mensch zeigt und nehmen es als vermeintlichen Beweis dafür, dass Polyamorie „nicht funktioniert“. Aber wie verhält es sich mit Polyamorie und Eifersucht?

Ist Eifersucht schlecht?

Mögliche Antworten auf diese Frage werden von polyamor lebenden Menschen vermutlich genau so vielfältig ausfallen, wie es die Konzepte von Polyamorie selber tun. Manche werden Eifersucht verdammen, andere verdrängen und wiederum andere sie als völlig normal hinstellen. Ich persönlich würde Eifersucht als Chance sehen. Und als diese kann man sie nutzen oder auch nicht. So gesehen würde ich sie weder als gut, noch als schlecht bezeichnen. Aber was ist Eifersucht überhaupt?

Was ist Eifersucht?

Eifersucht wird oft als Gefühlsbündel erfahren. In diesem können Gefühle von Angst, Minderwertigkeit, Verlustangst, Neid oder gar Gier enthalten sein und in unterschiedlicher Intensität auftreten. Insgesamt wird Eifersucht weder von der Person selber, bei der sie auftritt, als auch bei der Person oder den Personen, auf die sie sich bezieht, als positives Gefühlsbündel bezeichnet werden. Es ist unangenehm, wenn der Partner oder die Partnerin eifersüchtig ist. Und gerade in der Polywelt sind Eifersuchtsszenen oft verpönt oder zumindest ungern gesehen.

Eifersucht als Lehrmeister

Dabei kann Eifersucht ein großartiger Lehrmeister sein. Wie das möglich ist, möchte ich anhand meiner persönlichen Erfahrungen beschreiben:

In meiner ersten nicht-exklusiven Beziehung war ich sehr eifersüchtig. Wenn meine Partnerin sich mit jemand anderem traf, ging ich durch fast alle menschlichen Emotionen: Angst, Wut, Trauer, das Gefühl, auswechselbar zu sein, das Gefühl, nicht genug zu sein,… Aber auch positiv besetzte Gefühle wie Freude, Liebe und eine tiefe Verbundenheit waren ab und an zu spüren.
Gedanken wie „Was, wenn er viel toller ist als ich?“ oder „Wird sie mich jetzt verlassen?“gingen durch meinen Kopf- generell großes Kopfkino mit tausend Vorstellungen.

Wenn ich mit meiner Partnerin anschließend darüber redete, fand ich es zunächst schwer, auch Details zu hören. Aber zumindest das Kopfkino konnte damit ein wenig beruhigt werden. Mir persönlich half es, alles zu erfahren, auch wenn es teilweise weh tat.

Das Gute ist, dass man lernen kann, mit Eifersucht umzugehen.

Erstens hilft es, wenn Eifersucht auftaucht, sie einfach zu fühlen. Sie ist nunmal als innerer Fakt da. Nicht hilfreich ist es, sie zu ignorieren oder zu unterdrücken. Sie zu fühlen und anzunehmen half mir im ersten Schritt.

Im zweiten Schritt half mir, meine Vergangenheit anzusehen. Insbesondere über die Beziehungen meiner Eltern zu reflektieren half mir enorm, denn da erfuhr ich das meiste über mein eigenes Verständnis von Beziehung, Liebe und Verbundenheit. Durch diese Selbstreflexion bemerkte ich, dass eigentlich Verlustangst bei mir der dominierendste Teil war.

Als ich dann drittens duchschaute, dass ich keine Angst vor dem Verlust der Beziehung haben musste, war auch meine Eifersucht entschieden gemildert.

Wie milderte ich meine Verlustangst?

Wie verlor ich diese Angst? Ich machte mir klar, dass ein Ende der Beziehung kein Ende der Welt darstellte. Dass ich glücklich sein konnte, so lange sie bestand. Dass ich aber schon vor der Beziehung auch glücklich alleine gewesen war. Dass also beides gut war: Fortbestand und Nichtfortbestand. Egal, was passieren würde, ich könnte damit umgehen. Daher brauchte ich auch keine Angst mehr zu haben.

Warum muss man also keine Angst vor dem Verlust haben?
Zunächst, weil man darauf vertrauen kann, dass man immer am richtigen Fleck zur richtigen Zeit ist. Wenn man es schafft, diese Verbindung mit dem Urvertrauen herzustellen, so ist viel geholfen. Meine Erinnerung daran, dass ich eigentlich auch gut alleine sein konnte, ohne einsam zu sein und die Reflexion über die Scheidung meiner Eltern, der ich als Kind ausgeliefert war, halfen ungemein. Nach diesem ausführlichen Prozess hatte ich nicht nur enorm viel über mich selber und meine Gefühlswelt gelernt, ich war auch gefühlt emotional stärker geworden.  
Danke, Eifersucht!

Durch diese Erkenntnisse konnte ich zukünftigen Eifersuchtsanfällen viel besser begegnen
(Disclaimer: All dies ist leichter zu beschreiben, als es in der Realität oft durch zu führen ist. Ja, auch ich tat und tue mir noch immer schwer mit vielen dieser Probleme!)

Eifersucht als Schmerz

Bei der Eifersucht verhält es sich wie mit einer schmerzenden Wunde. Natürlich kann man auch bei einer Wunde zunächst Schmerzmittel nehmen. Auch bei Perioden der Eifersucht kann man sich Schokolade einwerfen, sich in eine warme Badewanne legen oder sich mit anderen Partnern ablenken. All das ist legitim, genau so, wie es legitim ist, Mittel gegen Schmerzen zu nehmen, falls man sonst ohnmächtig wird.

In weiterer Folge wäre es jedoch natürlich sinnvoll, die Ursache der Schmerzen zu untersuchen. Genau so, wie man dank des Schmerzes erfährt, dass man blutet und die Wunde behandeln kann, ist es bei der Eifersucht möglich, Seelenarbeit zu leisten, um innere Wunden zu entdecken und zu heilen.

Dies kann sowohl für polyamor, als auch monoamor lebende Menschen von Vorteil sein. Doch zurück zur Polyamorie.

Eifersucht in der Polywelt

Selbstverständlich wird Eifersucht in polyamoren Beziehungen verspürt. Selbstverständlich wird viel darüber diskutiert. Meiner Erfahrung nach gibt es jedoch oft einen Unterschied: Die Eifersucht wird nicht als etwas gesehen, das Sache des Partners, des Gegenübers ist. Die Verantwortung über die Eifersucht wird eher bei sich selbst gesucht. Nicht die Freiheit des Partners wird versucht, einzuschränken durch Fremdgehverbote, sondern viele erkennen, dass die Eifersucht eine persönliche Sache ist, mit der man zunächst selber versuchen sollte, umzugehen. Die Taten des Partners sind eventuell der Auslöser, nicht jedoch die Ursache für Eifersucht, dies kann man sich bewusst machen.

Fazit

Ja, auch in der Polywelt gibt es Eifersucht. Mit ihr umgehen zu lernen und ihre Ursachen zu untersuchen ist eine der schönsten Erfahrungen, die einem eine polyamore Lebensweise lehren kann. Sie zu verdammen, zu ignorieren oder zu unterdrücken kann man tun, nur wird man sich vieler Erkenntnisse über sich selber, seiner Beziehungsmuster und seiner Weltvorstellungen generell verwehren.
Eine polyamore Lebensweise deshalb nicht zu auszuprobieren, weil man eifersüchtig ist, ist keine Lösung. Denn selbst in monogamen Beziehungen wird sie auftreten und bei weitem nicht den gleichen Erkenntnisraum liefern. Sich aus Angst von der Liebe abwenden, ist nicht empfehlenswert. Angst war bisher selten ein guter Ratgeber.

Source: Patrick Seabird

Was ist Polyamorie?

In einem vergangenen Post habe ich darüber geschrieben, dass ich polyamor lebe und wie ich zu dieser Liebesform gekommen bin. Begriffe kann man unterschiedlich deuten und so mancher versteht unter dem selben Begriff etwas anderes. Nur allzu oft wird Polyamorie mit Polygamie verwechselt. Doch was ist Polyamorie genau und wie kann man sie einordnen?

Graphische Zusammenfassungen

Folgende Graphiken können einen ersten Überblick verschaffen (Ich poste sie hier nicht direkt aus urheberrechtlichen Gründen). Überraschend mag zunächst die Vielfalt der Beziehungskonzepte sein.

http://beziehungsgarten.net/blog/wp-content/uploads/2015/05/v2_1deutsch-die-vielfalt-der-liebesbeziehungskonzepte.jpg

Diese Grafik gefällt mir persönlich am besten. Sie ist einfach strukturiert und gibt einen ersten Überblick. Nach diesen Definitionen würde ich mich persönlich unter „Offene Beziehung“ oder allerhöchstens unter „Hierarchische Polyamorie“ sehen.
Weiter geht schon die MonoPoly-Matrix, welche man hier einsehen kann:

http://www.christianruether.com/wp-content/uploads/2018/01/MonoPoly-Version-1.6-final-Word.pdf

Die Autoren vergeben den unterschiedlichen Konzepten Smileys bei der Bewertung, ob sie polyamor einzuordnen sind oder nicht. Auch nach der Tabelle würde ich mich unter einer Offenen Zweierbeziehung einordnen.
Unübersichtlicher wird es bereits hier:

http://www.obsidianfields.com/lj/nonmonogamy3-large.png

Spannend ist der Titel „The types of non-monogamy“, weil er Polyamorie hier negativ formuliert: Alles, was nicht monogam ist. Ich habe keine Ahnung, wo ich mich hier einordnen würde.
Und zuletzt noch eine wieder einfachere, welche Beziehungen in offen und geschlossen einteilt:

http://www.christianruether.com/wp-content/uploads/2017/12/close-open-vice.jpg

Was eint diese Definitionen?

Was all diese Definitionen eint, ist der Blick auf die Vielfalt. In unserer westlichen Welt, durch Hollywoodfilme indoktriniert, herrscht ein Bild von Beziehungen vor: Das monogame, exklusive, geschlossene.

Aus meiner Sicht lohnt es sich, dieses Bild zu erweitern und neue Dinge aus zu probieren. Ich habe daraus schon viel über zwischenmenschliches Zusammenleben und Liebe lernen können.

Wichtig ist zu beachten, dass selbst wenn man mit polyamor lebenden Menschen spricht, es zu Kommunikationsproblemen kommen kann. Was meint die andere Person, wenn sie das Wort polyamor in den Mund nimmt? Meint sie offene Beziehung? Meint sie Polyfidelity? Meint sie Beziehungsanarchie?

Und hier wird wiederum das besonders wichtig, was in allen Beziehungsformen, egal ob geschlossen oder offen, gilt: Kommunikation ist der Schlüssel für ein gutes Zusammenleben!
Source: Patrick Seabird

Ich lebe polyamor

Ich lebe nun seit über einem halben Jahr polyamor. In dieser Blogreihe möchte ich über meine Erfahrungen mit dieser Beziehungsform berichten. Es soll um unterschiedliche Arten der Liebe, um Eifersucht, Abmachungen, Wünsche, Träume, Ängste und schließlich auch darum gehen, was das alles mit Wirtschaftsphilosophie zu tun hat.
Aber beginnen wir am besten am Anfang.

Das Symbol für Polyamorie: Ein Herz und ein Unendlichkeitszeichen kombiniert

 

Wie ich zur Polyamorie kam

Meine letzte Beziehung war streng monogam. Für fünf Jahre hatte ich mich exklusiv an eine Frau gebunden. Es war eine wunderbare Zeit, mit allen Auf und Abs, die eine solche Beziehungsform bieten kann. Als es zu Ende war, wollte ich jedoch nicht wieder so schnell monogam leben.

Ich entschied mich aktiv für ein Singleleben. Es war kein klassisches Singleleben, denn ich bin kein Mann für One-Night-Stands. Für mich ist es wichtig, in engere Beziehung zu den Menschen zu gehen, mit denen ich mich intim vergnüge. Ich möchte sie kennenlernen und sie auf einer persönlichen Ebene treffen. Binden wollte ich mich damals jedoch auf keinen Fall, was ich immer versuchte, offen darzulegen. Diese Zeit war für mich sehr wichtig, denn ich lernte, alleine aber gleichzeitig nicht einsam zu sein. Gröberen Problemen ging ich aus dem Weg, was leider auch zu Situationen führte, auf die ich teilweise heute nicht mehr stolz bin.

Über Freunde kam ich in einen regelmäßigen Redekreis, in welchem es ausschließlich um die Themen Sexualität, Liebe und Partnerschaft ging. Dort kam ich zum ersten Mal mit dem Thema Polyamorie in Berührung. Mit größter Spannung las ich das Buch „The Ethical Slut“, in welchem es um einen ethischen Umgang mit offener Liebe geht – ein Buch, das ich auch monoamor lebenden Menschen wärmstens empfehlen kann.

The Ethical Slut – ein Must Read!

Danach wusste ich: Das mit der Polyamorie möchte ich ausprobieren.

Dann lernte ich Maria kennen. Es war ein Glücksfall, dass von Anfang an eine monogame Beziehung für keinen von uns beiden in Frage kam. Zunächst wollten wir überhaupt nichts definieren. Als jedoch mehr Zeit verging wurde der Wunsch größer, Dinge beim Namen zu nennen und doch die eine oder andere Abmachung zu treffen. Seitdem lebe ich mit Maria in einer, wenn man es schon bezeichnen muss, polyamoren Beziehung. Wobei alleine das schon merkwürdig klingt. Denn was ist Polyamorie?

Was ist Polyamorie?

Dass Polyamorie schon ein etwas ungewöhnlicher Begriff ist zeigt der Umstand, dass die Wortkreation aus einem altgriechischen Wort – polýs – und einem lateinschen – amor – zusammengesetzt wurde. Ob aus Unachtsamkeit so definiert oder nicht, das Wort steht stellvertretend für eine ungewohnte Liebesform.

Wir werden in unserer Welt normalerweise von früh an in Richtung Monogamie oder, streng genommen Monoamorie sozialisiert. Hollywoodfilme zeigen uns, wie Liebe auszusehen hat. Es gibt nur Einen und der ist der Richtige und man muss ihn nur finden und dann glücklich bis zum Lebensende mit ihm zusammen sein. Am besten auch noch heiraten.

Polyamorie ist zunächst für einen so erzogenen Menschen ein erstaunliches Phänomen. Für mich ist Polyamorie ein Lernfeld. Folgende Erkenntnisse kamen mir unter anderem:

  • Polyamorie steht für die Erkenntnis, dass man mehrere Personen gleichzeitig lieben kann.
  • Polyamorie steht für eine offene und ehrliche Liebesform.
  • Polyamorie heißt, dass man miteinander kommuniziert. Viel kommuniziert!
  • Polyamorie ist die Einstellung, dass mir meine Partner und ihre Gefühle nicht gehören.

In unserer von Monoamorie fast duchgehend bestimmten Welt scheint es nur eine Skala zu geben: Entweder man ist fix in einer Zweierbeziehung oder man ist single (und auf der Suche nach einer Zweierbeziehung). Polyamorie hat mir erst die hunderten anderen Möglichkeiten gezeigt. So besteht ein Unterschied zwischen Polyamorie und offener Beziehung. Genau gibt es einen Unterschied zwischen Polyamorie und Polygamie.

Was Erich Fromm schon gut beschrieb: Wir sind in unserer Welt auf die Haben-Denkweise geprägt. „Ich HABE einen Freund/eine Freundin“, „Das ist MEINE Freundin/MEIN Freund“, usw. Das Eigentumsdenken, das den Kapitalismus definiert, hat sich auch in unsere Beziehungen eingeschlichen. Polyamorie will damit aufhören und wieder vom Haben zum Sein gehen.

Für manche ist Polyamorie mehr als nur eine Lebensweise, für die man sich entscheiden kann. Manche sehen sie als sexuelle Orientierung in die man hinein geboren wird. Andere sehen Polyamorie als politischen Akt für mehr Selbstbestimmung und Emanzipation. Ich sehe es schon so, dass man sich für Polyamorie entscheiden kann. Man kann wählen, ob man sich für eine offene Lebens- und Liebesweise entscheidet oder nicht. Polyamorie ist für mich aber mehr als nur eine Handlungsart. Es ist auch eine Einstellung, eine Lebensphilosophie, wenn man so will.

Was ich nicht sagen möchte ist, dass Monoamorie oder Monogamie schlecht sind. Auch möchte ich niemandem vorschreiben, wie er oder sie zu lieben hat. Ich habe mich zur Zeit aktiv dafür entschieden, polyamor zu leben. Dies ist mein momentaner Status und es kann natürlich sein, dass sich dieser wieder ändert. Aus Erfahrung wird man klüger.

Polyamorie ist eine Reise

Das Thema Polyamorie stellt für mich eine Reise dar, die einen an die spannendsten Orte bringen kann. Es geht um Selbsterkenntnis, Lernfelder, intensive Gespräche, spirituelle Erfahrungen und, ja, vielleicht auch um einen politischen Akt. Maria und ich befinden uns auf einem Segelboot, dass uns in eine unbekannte Welt führt. Beide geben die Richtung und Geschwindigkeit an. Ab und zu ist es auch gut, von der hohen See zurück in den Hafen zu kommen, um aufzutanken. Dann wollen wir uns aber bald wieder in die Freiheit hinaus wagen und neue Länder erkunden.

Über meine Erfahrungen aus einem halben Jahr Polyamorie möchte ich in folgenden Blogeinträgen weiter berichten!
Source: Patrick Seabird