Ein Grund, weshalb ich mich schon mein halbes Leben lang mit Wirtschaft befasse, ist, dass ich immer schon verstehen wollte, wie die Spielregeln unserer Gesellschaften funktionieren. Ich wollte wissen, wieso manche Länder arm und andere reich sind.

Wir wissen heute, dass Armut rein technisch gesehen leicht zu beseitigen wäre. Jean Ziegler drückt dies in einem starken Satz aus: “Die Weltlandwirtschaft könnte problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren. Das heißt, ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet”

Armut ist heute kein Produktionsproblem mehr, sondern eines der Verteilung. Sie ist eine Frage der Macht.

Nun ist Macht ein Thema, das die Wirtschaftswissenschaften gekonnt ausblenden.

Ein Glücksfall

Durch einen Glücksfall stieß ich auf das Buch “The Dictator’s Handbook. Why bad behavior is almost always good politics.” Der Titel könnte nicht schlechter gewählt sein, denn er suggeriert, dass es in diesem Buch nur um Diktaturen geht oder um schlechtes Benehmen – was nicht der Fall ist.

In Wirklichkeit haben Bruce Bueno de Mesquita und Alastair Smith mit diesem Buch viele Geheimnisse der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften gelöst. Ich sehe es als eines der wichtigsten Bücher an, die ich je zum Thema Macht, Politik und Wirtschaft gelesen habe. Es geht um Machtstrukturen in Wirtschaft und Politik, egal ob demokratisch oder autokratisch organisiert.

Die beste Zusammenfassung dieses Buches kann man in diesem 20 minütigen Youtube-Video sehen:


Dieses Video ist zwar humorvoll gestaltet, aber die Inhalte sind wichtig wenn es darum geht, Wirtschaftspolitik zu verstehen.

No man rules alone

Zurück zum Buch. Die Autoren schreiben darin zunächst auf Seite 1:

„[…] no emperor, no king, no sheikh, no tyrant, no chief executive officer (CEO), no family head, no leader whatsoever can govern alone.“

Dies ist ein Prinzip, das oft vergessen wird. Macht ist kein einseitig ausübbare Funktion, sondern muss in einem Beziehungsgeflecht stattfinden. Wie sieht dieses aus?

Drei Gruppen der Gesellschaft

Aus Sicht eines Staatsmannes, sei er Demokrat oder Diktator, kann man den Rest der Bevölkerung in drei Gruppen einteilen:

1.) Das “nominal selectorate” oder auch die “interchangeables” – eine große Gruppe austauschbarer potenzieller Kandidaten, diejenigen, die vorgeblich den Anführer auswählen.

2.) Das “real selectorate”, die “influentials” -die, die tatsächlich den politischen Anführer auswählen oder zumindest großen Einfluss darauf ausüben, wer regiert.

3.) Die “winning coalition” oder die “essentials” – diejenigen, die im Video die “keys” genannt werden. Diejenigen, die auf jeden Fall befriedigt werden müssen, möchte der Anführer weiter regieren.

Einer der Autoren stellt diese Theorie in diesem Interview vor:

Um es nicht zu kompliziert zu machen: Ein Anführer kann nicht alles alleine entscheiden. Er ist abhängig von Unterstützern. Umgekehrt sind die Unterstützer abhängig von der Politik, die der Anführer macht. Das System stützt sich gegenseitig

Das Ziel der Politik

Politische Anführer haben laut dem Buch ein Ziel: “To come to power, to stay in power and, to the extent that they can, to keep control over money.” (S.xxiv)
Damit gehen die Autoren gleich von einem anderen Menschenbild für Anführer aus, als wir es oft annehmen. Wir denken oft, Anführer wollen nur das Beste für das Volk und wir sind wütend und enttäuscht, wenn sie das Gegenteil machen.

Dabei sind Anführer genau deshalb an dieser Position: um der winning coalition und sich selber möglichst viele Ressourcen zu verschaffen. Anführer sind an ihrer Position, weil das primär ihrem Eigeninteresse und damit dem ihrer Unterstützer dient. (Vgl. S.xxiii)

Damit dienen die meisten Aktionen der Politik, wie Steigerung der sozialen Wohlfahrt oder des Wohlstandes des Volkes immer einem Ziel: Machterhalt – und das nicht nur in Diktaturen, sondern auch in Demokratien. 
Aus Sicht eines politischen Führers und seiner Unterstützer hat das Volk eine Funktion: Steuern zu zahlen.

„From a leader’s point of view, the most important function oft he people is to pay taxes. All regimes need money. As a result, certain basic public goods must be made available even by the meanest autocrat, unless he has access to significant revenue from sources, like oil or foreign aid, that are not based on taxing workers. Public benefits like essential infrastructure, education, and health care, need to be readily available to ensure that labor is productive enough to pay taxes to line the pockets of the rulers and their essential supporters. These policies are not instituted for the betterment of the masses, even though, of course, some members of the masses, especially workers, benefit from them.“ (S.107)

Es kommt nicht auf den guten Willen an, ob die Masse eine gute medizinische Versorgung, eine gute Ausbildung oder eine gute Infrastruktur erhält. Sondern es kommt darauf an, ob dies dem Machterhalt und -Ausbau des Anführers und seiner Unterstützer dient.

Dies könnte der Grund sein, weshalb Maria Theresia just da die allgemeine Schulpflicht einführte, als sie sah, dass die gegnerischen Soldaten besser gebildet und damit schlagkräftiger waren. 
Dies könnte weiters der Grund sein, weshalb unsere Universitäten immer verschulter werden und immer mehr Spezialisten produziert. Nicht frei denkende, das System durchschauende Menschen sollen gebildet werden, sondern gute Arbeiter, die genau so viel wissen, dass sie das BIP steigern können und genau so wenig, dass sie das System nicht durchschauen.

Weitere starke Sätze

Das Buch ist noch voll von starken Sätzen und wichtigen Erkenntnissen.
Zum Beispiel wird die Frage beantwortet, weshalb politische Führungspersönlichkeiten fast nie tatsächlich etwas ändern, sondern versuchen, Bestehendes zu erhalten.

“It is the existing rules that have allowed them to seize and control resources to date.” (S.251)

Sie sind genau durch dieses System an die Macht gekommen und umgekehrt ist es der Wille der wichtigsten Systemspieler, dass genau sie an den Schalthebeln sitzen und nicht jemand, der wirklich etwas ändern will. Außer natürlich, es ist zu Gunsten der essentials. Aber wehe, ein Anführer stellt sich gegen deren Willen:

“[…] those who can bring a leader to power can also bring the leader down.” (S.59)

Wirklich verändern können und wollen solche Anführer selbstredend nichts, sonst sind sie schnell wieder ihre Position los. Dies könnte auch der Grund sein, weshalb ein neuer Manager einer Firma nicht gleich auf eine andere Position umschwenkt. Oder warum politische Parteien vor der Wahl sich zwar stark unterscheiden, nach der Wahl jedoch die gleiche Politik unter anderen Vorzeichen durchführt.

Warum sind manche arm?

Zurück zu unserer Frage, weshalb manche Länder oder Bevölkerungsschichten innerhalb von Ländern arm sind, obwohl wir technisch gesehen kein Produktionsproblem mehr haben.
Weil dies dem Machterhalt dient! Und weil Anführer und ihre Unterstützer mehr Ressourcen an sich ziehen können, wenn sie anderen diese weg nehmen können.

“It is impossible to make the world great for everyone. Everyone doesn’t want the same thing. Think about […] the three dimensions of political life: hardly ever is it true that what is good for leaders and their essential backers is good for everyone else. If they all had the same wants  there wouln’t be misery in the world” (S.252)

Besonders schmerzhaft erkennt man dies, wenn es um das Thema Entwicklungshilfe im Buch geht.
Entwicklungshilfe, selbst wenn sie von demokratischen Anführern gewährt wird, dient genau diesen und nicht dem Land selber. In Kapitel 7 wird gezeigt, dass Entwicklungshilfe meist genau so gewährt wird, dass sie Diktaturen in den Empfängerländern unterstützt. Warum? Ein Diktatur ist von einer geringeren Zahl von Unterstützern abhängig und ihre Politik kann damit günstiger gekauft werden.

“Example after example highlight the simple fact that aid is given in exchange for policy concessions far more readily and in far larger quantities than to reduce poverty and suffering” (S.177)

Menschen und Nationen sind meist dann arm, wenn sie daran gehindert werden, Reichtum zu schaffen – gehindert von Machthabern, die persönlich besser dran sind, wenn das Volk arm bleibt –  Machthaber, die ihre Macht lieber behalten, als Wohlstand für alle zu schaffen. Eben dieser Wohlstand wird nur dann geschaffen, wenn er auch dem Machterhalt dient.

Man könnte noch viele Beispiele und Erkenntnisse aus dem Buch erwähnen. Eine Lektüre sei dringend ans Herz gelegt. Wichtig zu erwähnen ist: Es sind Politikwissenschafter, die ihre Erkenntnisse auf empirischer Sozialforschung aufbauen und populärwissenschaftlich widergeben.

Es liegt an uns!

Das Buch liefert wichtige Bausteine am Weg zur Erkenntnis. Die Wirtschaftswissenschaften haben zu lange die Machtfrage ausgeklammert. Zwar ist es wichtig, sich Effizienzgedanken zu machen. Noch viel wichtiger wäre es jedoch, die Machtstrukturen hinter der Armutsfrage zu durchschauen. Nur so kann wirklicher Reichtum auf der Welt entstehen. Nur so können wir nicht in die Falle geraten, Politiker für ihre Handlungen zu verurteilen. Wenn man von einer Politikerin etwas will, dann darf man nicht betteln. Man muss politisches Handeln verstehen. Man muss verstehen, dass sie auf diesem Posten sitzt, weil es ihr und ihrer wichtigsten Unterstützer dient.
Hier muss man ansetzen, wenn man bessere Bildungschancen, bessere Infrastruktur, mehr zivile Freiheiten oder wirtschaftlichen Reichtum möchte.

Auf diesem Gebiet muss noch viel Forschung passieren. Macht, ökonomischer Fortschritt und wirtschaftlicher Reichtum können nicht getrennt voneinander betrachtet werden, wenn man ernsthaft an einer Welt in Wohlstand interessiert ist!

Es liegt an uns, dieses Wissen zu verbreiten!

Das ganze Buch kann übrigens hier angehört werden!
Source: Patrick Seabird